Dienstag, 10. November 2020

20.Oktober 2020

Gestern wurde bereits der neue Sansibarische Präsident vereidigt, heute sind die Schulen nach 10 Tagen Zwangsferien wieder offen, die Lage hat sich normalisiert, ich spule den Film wieder zurück auf den 19.Oktober…..

Der SUP Club von Chukwani.....

19.Oktober: Da mein SUP - ausgerechnet jetzt, wo wir endlich einen Dachträger auf dem Auto haben - plötzlich Luft verliert, suche ich im Internet SUP und Sansibar, obwohl ich denke, dass ich wohl nur Kite finden werde. Aber nein, ganz nahe, im schicken Vorort Chukwani bietet jemand paddelling an. Ich lerne, dass in Englisch paddeling für SUPpen verwendet wird, die anderen Paddelsportarten heissen kanooing oder kayaking.

.....ist sehr schön zwischen Mangroven und offenem Meer gelegen.

Der Ort ist sehr hübsch am Ende einer holperigen Strasse gelegen, auf einer Landzunge zwischen Meer und Mangroven.

Mein SUP konnte zwar noch nicht geflickt werden, auch Profis finden das Leck offenbar schlecht, doch mache ich mit einem gemieteten Brett meine erste Tour durch die Mangroven ins Meer.







Samstag, 31. Oktober 2020

1.November 2020

Die Hoffnung gestern auf eine Normalisierung war etwas verfrüht, um den Mittag herum ruft die Opposition auf dem Festland zu allgemeinen Demonstrationen am Montag auf. Schon schliessen erste Geschäfte wieder. Offenbar hat man vor allem Angst vor Plünderungen, das Militär, das seien die Schlimmsten.

So gibt es kein normales Wochenende, wie ich es mir gewünscht hätte, man hätte ja auch erst am Montag wieder schliessen können, die Lebensmittel gehen allen langsam aus, doch offenbar ist die Angst grösser. - Ich habe nun ein anderes VPN installiert, das scheint etwas besser zu funktionieren, meine Identität habe ich auf Bosten, USA, eingestellt.


Obwohl den ganzen Tag Ruhe herrscht, abgesehen vom Nachmittag, wo die Kinder lärmend draussen spielen, ertönt in der Nacht wieder laute Musik, ich habe das Gefühl, das es life bands sind. Vor 40 Jahren hätte ich mich wohl auch noch auf den Weg dorthin gemacht. Jetzt stelle  ich gerade einmal  fest - wenn ich wieder kurz wach bin - dass Afrika eine eigenständige Musik entwickelt hat. Das ist keine Kopie von unserer Westlichen, höchstens eine Anlehnung.


Falls mich übrigens jemand erreichen möchte, dann geht das am besten per email. Das hat bisher gut funktioniert. Und zeigt, dass es in Afrika wenig verwendet wird. Hier kommuniziert man über facebook oder WhatApp oder ein anderes Social Medium. Beide werden im Moment immer wieder unterbrochen.

31.Oktober 2020

Der Lukmaan öffnet heute wieder, nach dem Füttern in Vuga gehe ich in den nahegelegenen Baobab Lukmaan. Alles frisch gereinigt, eine Freude, Essen hat es erst wenig, es ist 8 Uhr, Knochen- und Hühner- und Fischsuppe, braune Bohnen und Spinat und frisches Weissbrot. Nicht gerade das, was ich um diese Zeit esse, doch hier beliebte Frühstücksspeisen. Ich gebe mich mit einem Gewürztee mit Milch zufrieden. Die Angestellten sehen zufrieden und ausgeruht aus, ihnen haben die zusätzlichen freien Tage offenbar gut getan. Fast glaube ich eine Freude zu spüren, wieder hier, bei den Kollegen zu sein.


Der Lukmaan ist wieder geöffnet.

Noch wenige Geschäfte sind geöffnet, doch für Sansibar ist es noch früh, die Leute meinen, bis am Montag werde sich die Situation normalisiert haben. Gestern Nacht wurde nochmals von der Regierungspartei tüchtig gefeiert, laute Musik bis früh morgens.

Auf dem Festland sei es auch schlimm gelaufen. Zwar keine Tumulte, doch statt mehr, wie allgemein erwartet, noch weniger Leute der Opposition im Parlament. Alle scheinen vor allem erleichtert zu sein, dass die Wahlen glimpflich verlaufen sind. Wenige Tote, alle in Pemba, dem bekannten Oppositionsherd. 

Freitag, 30. Oktober 2020

30.Oktober 2020

Der Morgen danach.

Ich habe mein Büro im Hyatt Hotel eingerichtet, denn hier funktioniert das Internet immer, selbst meine WhatsApp Nachrichten kommen herein. Die Angestellten sind sehr freundlich, obwohl ich schlecht hierher passe. Allerdings  scheint mir, dass es viele normal nicht 5-Sterngäste hat, die von den tiefen Preisen profitieren wollen.

Bis um 3 Uhr früh habe ich die Anhänger der Regierungspartei feiern hören. Ich bin froh, dass sich das Zentrum der Ereignisse - das erinnert mich an Biel - von der Altstadt in einen nahe gelegenen Vorort verzogen hat, von dort dringt die Musik nur noch leise bis zu mir hinauf. 

Im Mizenghaniquartier hat die Regierung einen neuen Festplatz errichtet. Die neue aber noch vollkommen leere Shopping Mall - keine Mieter bisher - wurde daneben errichtet, das zukünftige Geschäftszentrum der Stadt ist hier geplant. Mehr und mehr verlagert sich auch das Nachtleben. Da habe ich gar nichts dagegen - obwohl hier die Altstadt zu einer reinen Touristenkulisse verkommen könnte.


Um 8 Uhr durchquere ich die Altstadt Richtung Vuga. Eine Katerstimmung frühmorgens. Jetzt um zehn Uhr höre ich bereits wieder den Fischverkäufer in der Gasse hupen, gewohnt Geräusche dringen zu mir hinauf. Die Spannung scheint gewichen zu sein.


Ich bleibe frustriert. Wenn man das Wahlen nennen will. Eine reine Farce! Die Opposition wurde vor und während der Wahlen derartig eingeschüchtert, dass sie gar keine Chance hatte. Und an die Wahlresultate glaubt sowieso niemand. Magufuli scheint auf dem Festland überall - selbst dort wo man die Opposition als sichere Sieger sah - gewonnen zu haben mit mindestens 75%. Der Sansibarische Präsident, ebenfalls von der Regierungspartei, soll 83% der Wählerstimmen erhalten haben. Das sind schon fast Putin-Werte. - Aber ja, die Spannung und die Angst, die in den letzten Tagen die Bevölkerung lähmten, ist etwas gewichen, es bleibt ein Kater, wie nach einem Saufgelage.

Die meisten Läden bleiben noch zu, so auch der Lukmaan. Einzig im Touristenquartier sind Hotels und Restaurants offen, die dort spärlichen Läden bleiben jedoch geschlossen.

29.Oktober 2020

Der Tag danach verläuft ruhig, das Internet funktioniert teilweise, Blogger ja, facebook und WhatsApp hingegen nicht, VPN, eine App die Zutritt zum Darknet verschafft - ich habe sie gestern auf Anraten von Fahmi herunter geladen - hilft mir wenig.

Aus dieser Distanz ist fotografieren problemlos.

Vorbei der Tumult, denke ich schon, dann kurz vor dem Mittagsgebet wieder Schusssalven, die Leute verschwinden in ihre Häuser. Ein Demonstrationszug habe sich im Mkunazini Quartier gebildet und wolle Richtung Michenzani Blocks marschieren. Alle Oppositionsmitglieder werden aufgerufen, dorthin zu gehen. Doch die Demonstration wird rasch aufgelöst, der Nachmittag ist wieder ruhig. Nach 5 Uhr gehe ich hinaus, dem Meer entlang in die Forodhani Gardens, die hungrigen Katzen füttern, dort war nun zwei Nächte überhaupt nichts los. Als ich beim Eindunkeln nach Hause komme, sammeln sich auf der Rückseite unserer Hauses die jungen Leute, die dort immer Haschisch rauchen, und plötzlich ertönt laute Musik. Die Wahlergebnisse für Sansibar seien heraus gekommen, der Kandidat der Regierungspartei habe gewonnen, klärt mich Salum auf. Später dann aus der Richtung der Mizenghani Wohnblocks, etwas ausserhalb der Altstadt, Lautsprechermusik, Magufuli - wie Trump - liebt es, sich mit jungen Musikern  zu umgeben. Zwei Drittel der Tansanischen Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, eine grosse Wählergruppe. Die vermutlich auch weniger als ihre Eltern darunter leidet, dass der Präsident in seinen ersten 5 Jahren die Wirtschaft auf dem Festland abgewürgt hat.

Meine Hoffnung auf eine weitere friedliche Nacht ist nun verflogen. Laute Musik bis um 3 Uhr früh.

28.Oktober 2020

Frühmorgens gehe ich ins Hyatt Hotel Kaffee trinken. Es hat recht viele Leute beim Frühstück, Weisse und Schwarze, wahrscheinlich zum Teil Wahlbeobachter. Das Internet funktioniert hier, die paar Touristen, die es hat, scheinen nichts besonderes zu bemerken.


Auch Salum und Mgeni gehen abstimmen. Der ganze Wahltag verläuft ruhig, die Luft scheint bereits gestern hinaus gegangen zu sein. Optimisten glauben nun, das Schlimmste sei vorbei und die Pessimisten warnen davor, dass das erst komme, wenn die Wahlergebnisse heraus kämen.


Sobald die Dunkelheit fällt, wird es wieder gänzlich ruhig, man könnte meinen, eine Ausgangssperre sei verhängt worden. Die Leute bleiben freiwillig drinnen, sie scheinen der Sache nicht zu trauen. Zugegebenermassen sind die nebst dem Militär herum patrouillierenden ORF, nicht gerade Vertrauen erweckend. Auf einem PickUp, schwarz gekleidet, vermummt und bis zu den Zähnen bewaffnet, erinnern sie mich an die Islamisten, doch ist das eine Spezialeinheit der Armee. - Ich schlafe sehr gut diese Nacht.


Keine Fotos. Es ist nicht ratsam, von solchen Einheiten Fotos zu machen. Überhaupt von der Polizei oder dem Militär. 

Donnerstag, 29. Oktober 2020

27.Oktober 2020

Vor dem Lukmaan läuft heute nicht viel.

Um 7 Uhr früh gehe ich quer durch die Stadt. Es ist sehr ruhig, nur wenige Menschen draussen, praktisch alle Geschäfte und Restaurants sind verriegelt, einzig der Lukmaan bleibt offen. Ich esse zwei Samosas und trinke Tee, sitze mit dem Handwerker Abu auf der Terrasse und beobachte die Strasse und wir scherzen über die Angsthasen, alles besten so far. Auf dem Rückweg hinter dem Markt in Darajani sammeln sich ein paar Männer, einer mit Stock, eher eine gereizte Stimmung, doch bald bin ich zu Hause.

Die leere Marktstrasse.

Um 10 Uhr, hören wir etwas wie Gewehrsalven, Naima meint rasch, das seien Schreckschusspatronen, doch ich muss zugeben, dass ich Schiss kriege,  denn manche davon sind sehr nah. Ich fülle ein Becken mit kaltem Wasser und lege zwei Frottiertücher daneben, feucht auf das Gesicht gedrückt soll das helfen bei Tränengas und Pfefferspray. In meiner Wohnung kann ich kein einziges Zimmer luftdicht abschliessen.

Ich muss zugeben, dass mir nun doch etwas mulmig zumute ist. Ich, die bereits Angst vor dem Knallen von Feuerwerkskörpern hat. Offensichtlich hat die Opposition ihre Drohung wahr gemacht, und versucht, in die Wahllokale einzudringen, die heute nur für Regierungsmitglieder geöffnet sind.


Knapp elf Uhr, die schwarzen Wolken über der Stadt bringen wirklich Regen, kein Riesenguss, doch hoffe ich, das dies die Gemüter abkühlt.

Unterdessen versuche ich, den Post vom Vortag hochzuladen, und merke, dass das Internet nun doch abgestellt wurde, verständlich, denn damit kann man die Leute sehr rasch sammeln und verschieben und das wäre in der angespannten Situation nicht gut. Wenn ich daran denke, was für Videos bereits am Sonntag auf Youtube zu finden waren, befürchte ich, dass dies einen Teil der Bevölkerung in Panik versetzen würde und den anderen Teil vielleicht noch mehr anstacheln. Sobald der Regen etwas nachlässt, erneut Schüsse und von fern das Schreien von Frauen, einzig die Katzen scheinen vor solchem nicht gross Angst zu haben.


11:30, der Ton, der die eingehenden mails ankündigt, erklingt, offenbar funktioniert das Internet wieder - für ein paar Minuten. Komisches Gefühl, in dieser Situation von der Welt abgeschnitten zu sein.


12:15, nach längerer Ruhe, glaube ich ganz nahe Kampfgesänge zu hören und denke für mich, diese Idioten, das kann nicht gut kommen. Doch dann merke ich, dass meine Nerven blank liegen. Langsam kristallisiert sich in meinem Gehirn der eindringliche Gesang eines einsamen Muezzins heraus, es ist Mittagsgebetszeit.


Um 13 Uhr erneut ein Regenguss, diesmal ein richtiger, Donnergrollen, auch davor habe ich Angst, heute bleibt uns wirklich nichts erspart. Wenigstens kaum Wind, so dass das Risiko einer Überschwemmung meiner Wohnung gering bleibt. Weil der Regen auf die Blechdächer hämmert, ist es sowieso nun sehr lärmig, Gewehrsalven oder Geschrei wären nicht hörbar. Hoffentlich dämpft solcher Regen das ganze Geschehen ab. Im Haus sprechen wir per Telefon miteinander, der einzige Weg der Kommunikation. Wir finden heraus, dass wenigstens die SMS immer noch funktionieren.

Ich telefoniere mit Hidjam, dem Mann, der auf dem Grundstück wohnt, in das wir die kleinen Kätzchen gebracht haben. Ob er die füttern könne, ich möchte im Moment niemanden quer durch die Stadt schicken. Er meint ja. Und auf meine Frage, wie die Situation denn dort sei, ob der Lukmaan immer noch offen? Nein, auch der sei nun geschlossen worden.


15 Uhr, nur schwacher Regen, ruhig draussen, ich rieche Essengerüche, Naima oder Mgeni scheint zu kochen, ich esse ein Stück Sauerteigbrot mit Salzbutter. Dann ein Telefon mit Fahmi, ich solle die App VPN herunterladen, dann könne ich ins Internet. Schon gut, doch wie tut man dies ohne Leitung? Damit würde facebook und WhatsApp und alles ganz schnell laufen, meint er. Die Nachbarn kämen bei ihm vorbei und er haben eben eine Gruppe Bewaffneter mit Hunden herum laufen sehen. Algeciras, die Arabische Fernsehstation habe über Unruhen in Sansibar berichtet. - Salum wiederum meint, er nutze die Zeit zum Schlafen. Nein, keine News schaue er, Mgeni schaue ihre Filme. Er scheint von nichts wissen zu wollen. Auch ich will versuchen zu schlafen. Doch was war das Grollen, das man vorhin durch den Regen hindurch gehört hat? Vielleicht doch die Tankwagen, die manche bereits vor Tagen gesehen haben wollten?


Sogar das Abendrot wirkt heute bedrohlich.


16 Uhr, wieder Gebetszeit, der Himmel klart etwas auf und die Welt draussen erwacht. Ich gehe Fahmi besuchen und trinke Kaffee mit ihm. Immer wieder schauen Nachbarn hinein, die Türe zur Strasse bleibt offen. Die Wahllokale seien ab 4 Uhr geschlossen, auch die Krawallmacher müssten schliesslich einmal essen und zu ihren Familien gehen und schlafen. Jetzt könne ich schon hinaus gehen und zu den Kätzchen in Vuga schauen. Fahmi leiht mir Ahmed’s Velo aus und rät mir, auf der Hauptstrasse durchs Touristenquartier zu fahren, so sei ich sicher. Ich folge seinem Rat, und effektiv schnappen auf der Strandpromenade ein paar Einheimische frische Luft und plaudern und   ein paar Touristen laufen im Shanghaniquartier herum. Das Serena Hotel, das Hyatt und das Tembo Hotel haben offen, aus dem Afrika Haus klingt Musik, einzig zwei kleine Lastwagen mit Militär stehen herum und erinnern an die Unruhen vom Morgen. In Pemba habe es 9 Tote gegeben, vernimmt man, die Männer, die ich draussen antreffe, geben sich locker, sogar Fussball wird gespielt.


Ein Schiff der Armee ankert vor dem Touristenquartier.


Bis zum Abendgebet. Ab 18:30 und damit dem Niedersinken der Dunkelheit, sind die Strassen bereits wieder leer und es ist unheimlich still, das Nachtgebet um 19:30 dröhnt ungewohnt in vollkommene Stille.