Sonntag, 5. April 2009

1. April 2009


Heute Morgen erwache ich früh, obwohl Mr. Superpower eine aufgeregte Nacht gehabt hat, viel geschimpft, rezitiert auch, ich höre das nur in Fetzen, dämmere wieder weg, und den Muezzin um fünf Uhr, viel lauter noch, den habe ich verschlafen. Bereits um halb sieben bin ich am Strand unten und begrüsse Ali, der schwitzend am Joggen ist. In letzter Zeit geht er regelmässig nach dem Morgengebet an den Strand. Das Meer hat viele ockerfarbene fleischige und mit Schwimmblasen versehene gekräuselte Algenbüschel ans Land geworfen. Die Linie, der pflanzlichen Rückstände von gestern Abend liegt etwa drei Meter weiter landwärts, die Differenz zwischen Ebbe und Flut nimmt bereits wieder ab. Algen werden hier selten angeschwemmt. Am Strand vor dem Serena Inn Hotel ist die Putzmannschaft bereits aktiv. Keine Rückstände, nicht einmal pflanzliche, für das betuchte Publikum.
Und erinnert mich an das Buch, das ich eben zu Ende gelesen habe. Ein Schriftsteller namens Hans Christoph Buch (wie sinnig der Name) schreibt über Ostafrika. Webt in seinen Roman historische Figuren ein. Die Prinzessin Salme etwa. Die selber geschrieben hat, eine sehr bekannte Person hier, am Filmfestival des vergangenen Sommers wurde versucht, mit einem Dokumentarfilm ihrem Leben nachzuspüren. Sultanstochter in Deutschland gestrandet. Herr Buch verwendet fast wörtlich Ausschnitte aus ihren Beschreibungen des damaligen Sultanspalastes. – Auch TippuTipp, der Sklavenhändler, kommt vor, dessen ehemaliger Palast genau gegenüber unserem Haus liegt, gänzlich verlottert nun, er gehört dem Staat. Das Geld für die dringend notwendige Renovation fehlt leider. Auch Mr. Superpower, eigentlich sansibarischer Araber mit Name Asfara, der diese Nacht Gespräche hatte mit den Dämonen – oder, wie andere meinen, wieder einmal stinkbesoffen war - fühlt sich zwischendurch als arabischer Sultan und bewohnt die Dachterrasse des verlotterten Palastes. Gratis natürlich, ein Squatter, wie praktisch alle Bewohner dort. – Neben Salme und Tipputipp erfindet der Autor einen Ostdeutschen Botschafter, der während der Revolution hier im Jahre 1964 anwesend war. Angeblich eine sozialistische Revolution, selbst Che Guevara soll sich gezeigt haben. Obwohl man sie auch rassistisch nennen könnte, in erster Linie wurden Weisse, Araber und Inder ausgeplündert, manche auch umgebracht und enteignet, viele flohen dann und gaben freiwillig ihren Besitz auf. Und versuchen den jetzt - gut 40 Jahre später – wie die Besitzerin unseres Hauses aus dem Oman, wieder zurückzuerlangen. Oft mit Erfolg. Nur dass die ehemaligen Paläste unterdessen mangels Unterhalt gänzlich verlottert sind. Quer durch die letzten zwei Jahrhunderte ist so im Buch des Herrn Buch eine spannende Geschichte entstanden. Obwohl mich dann doch ganz am Schluss die Historischen Zitate aus der Sklavenzeit am meisten erschüttern. Nein, stolz können auch wir Weissen nicht sein auf unsere Vergangenheit in Afrika. Die Sklaven wurden geschlagen und geschunden wie Tiere. Und ich rege mich heute darüber auf, dass die sansibarischen Esel von blutigen und eitrigen Striemen übersäht sind - sei es wegen der schlechten Zaumzeuge, sei es auch durch Hiebe. Vor 150 Jahren schienen dies Europäer und Araber bei ihren Sklaven noch etwas gänzlich Normales gefunden zu haben. Keine ethischen Bedenken.
Zurück zum Anfang dieses Exkurses. Offensichtlich logierte der Buchautor im Serena Inn Hotel, dem Fünfstern Hotel und der ersten Adresse der Stone Town, im Besitz des Aga Kahn. Offensichtlich können es auch Buchautoren manchmal zu Reichtum schaffen. Das erstaunt doch etwas und gibt Mut. (Sansibar Blues oder wie ich Livingstone fand / Hans Christoph Buch / Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2008)

Wieder an den Strand, der heute mässig bevölkert war, die Wolken hängen tief. Über dem aufgewühlten dunkelblauen Meer nordwärts Richtung Hafen ein schmutzig graugelber Himmelstreifen. Darüber, unten gerade abgeschnitten, eine tiefschwarze Wolkenbank, die den grössten Teil des Himmels ausfüllt. Die Schiffe haben alle die Spitzen Richtung Daresalaam ausgerichtet, Südwind also. Und wohl bald Regen, denke ich. Schon bald einmal beginnt es zu tröpfeln, ich warte noch, bis die Tropfen dicker werden und kehre dann um. Bevor ich unser Haus erreiche giesst es bereits in Strömen, das Duschen kann ich mir für heute Morgen ersparen, auch Kleider waschen ist nicht mehr notwendig und innerhalb von Minuten fange ich genug Wasser auf, um damit wieder für zwei Tage den Komfort von Regenwasserduschen zu geniessen.
In der plötzlichen Finsternis und dem dröhnenden Rauschen des Regens bemerke ich plötzlich Asfara, der gleich neben unserem Eingang sitzt. Und die Topfpalme dort mit hunderten von orangen Blüten übergossen hat, die er vorher unter einem blühenden Baum zusammen gelesen haben muss. Landart mit Hilfe der „Sheitani“, der Dämonen.

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