Sonntag, 24. Mai 2009

29. April 2009


Bereits wieder im Flughafenrestaurant von Daresalaam. Was übrigens übersetzt nicht Ort der Freiheit heisst, wie ein Freund mir einmal sagte und was ich dann blind auch nachgeplappert habe, sondern Ort des Friedens. Ort der Ruhe auch. Und könnte daher kommen, dass der Hafen sehr gut vor der Brandung geschützt ist.
Zurück zum Restaurant. Nachdem man in Dar eingecheckt hat, gibt es nicht mehr viel zu tun, ausser warten. Wie überall auf der Welt, zugegeben. Hier gab es bisher nur ein einziges Restaurant mit einer grässlichen Plastikmöblierung. Nicht dass das Konkurrenz bekommen hätte. Doch eine kleine Verbesserung. Eine neue geschmacklose Plastik-Metall Möblierung mit Kunststoff-Furnier statt reinem Plastik, und eine Glasfront, die den Raum von der Wartehalle abtrennt. Da dort die Klimaanlage chronisch nicht funktioniert. Was sie auch heute nicht tut. – Die im Restaurant arbeitende Klimaanlage plus die vielen Ventilatoren veranlassen mich jetzt allerdings, ein Kanga um meine Schultern zu schlingen, so kühl ist es.
Am Nebentisch palavern zwei Tamilen – scheint mir mindestens – man könnte sich bereits in der Schweiz fühlen. Auch viel Schweizerdeutsch, viele Entwicklungshelfer, wie ich den Gesprächen an den Nachbartischen entnehme, man kennt sich. Bier scheint hier das Standartgetränk zu sein, bevorzugt die Marke „Kilimanjaro“. Ich bestelle ein „Tusker“, denn in meinem Buch „Zanzibar chest“, wird dieses als die älteste Biermarke Ostafrikas gelobt.
Ein absolut uncharmanter Ort, der Flughafen von Daresalaam. Doch das ungewohnte Bier muntert meine Stimmung auf.
Spätestens in fünf Monaten sei ich zurück, meint Ali noch im Flughafen. Und Othman, sein Partner meint, in einem Monat solle ich wieder kommen. Es ist ein schwieriger Abschied diesmal.

Gestern nochmals in Mangwapani. Es war eine gute Idee, aufs Land hinaus zu fahren, trotz ungewissem Wetter, die letzten Tage waren nicht mehr sehr stabil. Wir besuchen Alis Familie. In Mangwapani hat es viel mehr geregnet als bei uns in der Stadt. Unter dem grünen Blätterdach, die Gegend ist sehr fruchtbar, Brotbäume, Fruchtbäume jeder Art, Manjok, Bananen, baden Hühner und Enten in den vielen Pfützen, wir lassen das Motorrad stehen und gehen die letzten Schritte durch sumpfigen Morast. Die Sonne scheint bereits wieder stechend scharf durch das Blattwerk, der Boden dampft, eine erstaunliche Schwüle, der Schweiss tropft an uns herunter. Der Halbbruder Alis, der sein primitives Gehöft gleich neben dem seiner Mutter, die mit dem vierten Mann zusammenlebt, hat, will nun auch ein Steinhaus bauen. Die Fundamente aus Korallenstein sind gelegt, Backsteinhaufen zwischen den Bäumen, Material ist da, eigentlich könnte gearbeitet werden. Der Bruder ist Schreiner und Bauer. So wie der neue Angestellte von Ali - ein ehemaliger Schulkollege – der Sohn eines Baumeisters und Schneiders war. Und so Schneider wurde und arbeitslos. Falsch, meint Ali, sei das gewesen. Baumeister hätte der werden müssen wie sein Vater. Und arbeitet nun im Lukmaan.
In den Sumpf von Mangwapani zurück. Der Halbbruder entschuldigt sich, er spricht erstaunlicherweise Englisch, „a mess“ sei es heute, das sehe ich auch. Und eine Hochzeit soll nächstens gefeiert werden, das Mädchen, das vor einem Jahr ein uneheliches Kind gebar, fand nun einen Mann. Ob das der Vater ist, weiss niemand. Sie hat nie darüber gesprochen. Und Alis Mutter hat einen Laden aufgemacht. Ein winziges Häuschen, nicht mehr als einen Quadratmeter gross, hinten eine Türe und vorne ein Fensterladen. Darin ein Sack Mehl, Zigaretten und Seife. Ali meint, so sei das Geld mindestens nicht sofort weg. Eine Reserve. Ich hinterlasse 40 Franken, die Ali verteilt, teils in Geld, teils in Naturalien. Bohnenkerne, Zucker und Mehl. Man ist zufrieden.
Wir gehen anschliessend in die nahe gelegene Mangwapani Bucht, wo das Serena Hotel ein einsames Strandrestaurant in idyllischer Lage eingerichtet hat. Es ist Flut, das Wasser wunderbar erfrischend und klar, ich geniesse mein Bad. Das Essen auf der lauschigen Terrasse zwischen den Bäumen ist zwar nicht schlecht, doch auch nichts Besonderes, ich zahle dafür mehr als 30 Franken. Mit soviel Geld lebt auf dem Land eine ganze Sippe eine Weile.

Hinter meinem Labtop-Schirm sehe ich, dass unterdessen das „Boarding“ begonnen hat, soviel läuft nicht hier im Flughafen, das muss mein Flug sein. Ich muss also abbrechen. Und frage mich, ob ich mich nun darüber aufregen soll, dass die Serviererin mir mein Wechselgeld nicht bringt. Es wäre nicht mehr viel, ich habe noch ein zweites Bier nachbestellt und bereits einmal bezahlt, und auch gut Trinkgeld gegeben. Was mich nervt ist, dass man darüber nicht froh ist, sondern sofort denkt, okay, eine Dumme, diesmal bringe ich gar kein Wechselgeld mehr. Soll ich nun reklamieren, mich aufregen? Besser einfach vergessen. „You critizize too much“, meint Ali oft. Das stimmt wohl auch. Selbst wenn er genau weiss, dass ich meist recht habe. Auch ich würde das nicht ertragen, wenn man in der Schweiz dauernd über mein Volk lästern würde. Das beleidigt. Selbst wenn ich mich überhaupt nicht als Durchschnittsschweizerin fühle. Was auch Ali in Sansibar nicht tut. Trotzdem, es tut irgendwie weh, man erträgt diese Kritik nicht. Das stimmt schon, da hat er recht. Und ist sicherlich ein weiterer Grund für Missverständnisse und –harmonie.

27. April 2009


Wut, die sei nicht im Bauch, sondern in den Schultern und in den Armen, meint Ali. Angst, die sei im Bauch. Und Traurigkeit im Herzen. Und manchen Herzen, denen fehlten die Augen, manchen die Ohren und andere seien hart wie Stein.

Nach einer Nacht und einem ganzen Tag trommelnden Regens – die Intensität war nicht besonders stark, nur durchschnittlich, doch die Blechdächer verstärken den Lärm bis dass man davon wahnsinnig werden könnte, hört er gestern am späteren Nachmittag plötzlich auf. Ein kühler Abend, zum ersten Mal bin ich um ein kurzärmliges T-shirt froh, normalerweise liegen nur luftige Blusen drin, ein paar Tropfen noch in der Nacht, ein trüber windiger Morgen an Meer – und nun schon wieder gleissender Sonnenschein. Ich mache einen Spaziergang am Strand um die Mittagszeit. Der Wind ist immer noch angenehm frisch, die Luft sehr klar und die Sonne blendend hell. Der Strand – wie immer um diese Zeit – gänzlich verlassen, kein Einheimischer geht in der Mittagshitze dorthin. Doch die ganze Landspitze, die das „Serena Inn Hotel“ einnimmt, hat einen sicheren Strand. Einen gut bewachten, immer patrouillieren dort Wachmänner in Uniform. Weshalb er für mich der ideale Strand geworden ist, selbst noch in der Nacht. Hierher verirrt sich kein Dieb.
Übermorgen bereits fliege ich ab. Ich muss noch etwas Tourist spielen und meine Beine bräunen. Und die drei Rucksacktouristen, die ich ebenfalls antreffe, sich bräunend und lesend, die getrauen sich sogar ins Wasser. Obwohl es heute ausserordentlich nach Kloake stinkt, was häufig der Fall ist nach dem Regen. Und dies vor dem nobelsten Hotel des Ortes.

25. April 2009


Samstag Morgen. Nur noch vier Tage bis zu meiner Abreise. Ein Regentag. Kein heftiger Regen, doch mehr oder weniger unablässig seit ich um sieben Uhr morgens davon vom Strand vertrieben wurde. Doch klagen will ich nicht, bisher gab es sehr wenig Regen, ganze zwei etwas heftigere Güsse, die liebe ich ja eigentlich, denn sie sind für uns Europäer etwas gänzlich ungewohntes. Diese Naturgewalt. – Nicht so heute, ein Schweizer Regen fast, nur dass es doch deutlich wärmer ist, obwohl ich es nun schon fast kühl finde. 32 Grad Celsius hat der Deutsche Exkonsul gemeint, hat er vor rund einer Woche noch gemessen. Wie warm war es wohl zu Beginn meines Aufenthaltes, wo es selbst die Einheimischen unerträglich heiss fanden?

Ich habe heute Morgen die Schatten auf meinem Strandbild – sie sind rein fiktiv, gesehen habe ich die so nicht, die Idee kam mir an einer Spätnachmittagsstimmung in Paje – grasgrün übermalt. Das sah ich gestern plötzlich vor meinem inneren Auge so und wollte es ausprobieren. Ein Suchen. Und zwischendurch stelle ich das Bild wieder hinter den Vorhang und vergesse es. Das kann ich hier. Das ist der Vorteil. Zuhause in Bern, kann ich nichts weglegen, wenn ich Angst habe, dass es misslingt. Und die habe ich oft, sehe erst Stunden oder Tage später, dass doch etwas daraus werden könnte. Kann aber nicht davon lassen. In der Schweiz. Doch nicht hier. - Das genaue Ostküsten Strandbild, das gibt es nicht vor meinem inneren Auge, nur Teile davon. Auch kann ich mich nicht entscheiden, ob ich reale Farben malen will – heute habe ich mich wieder dazu verleiten lassen beim Meer – oder rein fiktive. Ich bin ja ein grosser Fan von Kirchner. Farben, die für mich harmonieren - auch mal kratzen, das schon - unabhängig davon, ob die in der Natur vorkommen. Dasselbe bei der Komposition. Doch immer wieder kommt mir die Realität in die Quere und dann kämpfe ich. Ein Versuch, mich treiben lassen. Was wird wohl siegen? Auch in Bezug auf den Pinselstrich versuche ich Neues aus.

Gefühlsmässig ein wechselhafter Aufenthalt einmal mehr. Ali, der plötzlich meint, es gäbe doch noch eine Möglichkeit für uns, als Paar zusammenzuleben. Wenn wir nochmals heirateten. Ich als Christin, er Muslim. Er glaube nun, dass dies im Koran erlaubt sei, und zeigt mir die Stelle in dem Buch: Muslime könnten Christinnen oder Jüdinnen heiraten heisst es dort. Nur ist das offensichtlich lange nicht die Meinung aller Muslime. Ich zögere erst, überlege mir die Sache ein paar Tage. Und freue mich schliesslich über die veränderte Situation, Ali ist ein rechtes Stück von seinem bisherigen Standpunkt bezüglich des Glaubens abgerückt. Doch dann plötzlich wieder Ausflüchte, Verzögerungen, Ali scheint mir bedrückt, ich dränge. Die Mitteilung dann, dass sich hier kein Imam finden lasse, der solch eine Trauung vollzöge. Man bevorzuge die Lüge. Einfach sagen, man sei Muslim, man glaube an Mohammed - ich kann das nicht mehr, nachdem ich den Koran gelesen habe.
Natürlich bin ich jetzt enttäuscht, wütend auch. Tage mit Streit und den nie enden wollenden Diskussionen über Religion die darin enden, dass Ali mich schliesslich wieder als Muslimin sehen will. Diese Lösung wäre eben doch nur eine Zwischenlösung gewesen. Für Ali eine Station auf dem Weg zu dem Endzustand, der für ihn nichts anderes als der Islam sein kann. Das liegt zu tief. - Und ich habe gleichzeitig gemerkt, dass eine Wiedervereinigung mir auch Angst machen würde. Ich will und will doch nicht. Das Problem liegt auch bei mir, ich weiss es. Und war wohl immer so bei all meinen Beziehungen. Ob nicht vielleicht doch noch ein Besserer kommen wird? - Da ist Alis Naturell eben schon viel praktischer: Das Beste, das kriege man sowieso nie. Zufriedenheit sei der Schlüssel zum Glück.
Nach dem Streit dann wieder eine resignierte versöhnliche Stimmung. Ali glaubt, dass wir uns eben lieben würden, sogar verliebt seien, da könne man nichts machen. Ich stimme dem bei - was die Liebe betrifft. Doch verliebt?
Vielleicht eben doch der Duft. Mein Maiglöckchenduftbuch. Dass selbst wir Menschen, vor allem die Frauen, ihre Partner mit der Nase auswählen würden. Tiere könnten ohne Pheromone, ohne Sexuallockstoffe, gar nicht Liebe machen - ausser die höheren Affen und die Menschen, für die das nach heutigem Wissen möglich scheint. Jede Tierart strömt einen spezifischen Duft aus und nur dieser führt zur Erregung des Sexualpartners. Damit sich die Arten nicht vermischen. Interessant dabei ist, dass auch die Pflanzen duften - eine Banalität, stammen doch fast alle Wohlgerüche aus dem Pflanzenreich. Was ich damit meine ist, dass auch Pflanzen Duft „bewusst“ einsetzen und als Kommunikationsmittel benutzen. Sich gegenseitig mit Duft vor Feinden warnen. Oder gezielt mit Duft Killer anlocken, die es auf ihre Schädlinge abgesehen haben und sie davon befreien sollen. Duft hingegen scheint auf ihr Sexualverhalten keinen Einfluss zu haben - dies im Gegensatz zu den Tieren. Logisch eigentlich, ist es doch ein passives. Sie warten entweder auf den Wind oder auf tierische Bestäuber. – Vielleicht gibt es deshalb weniger Pflanzenarten und umgekehrt mehr Bastarde zwischen den Arten. Weil sie die Befruchtung nicht steuern können. Während im Tierreich offensichtlich ganz gezielt nur innerhalb ein und derselben Art Sex gemacht wird.

Während ich das kleine Kätzchen noch ein paar Mal in der Strasse getroffen habe - es scheint mich da nicht zu kennen, wirkt nervös, Ali meint, das sei normal bei Strassenkatzen, die würden nicht nur gute Erfahrungen machen - erscheint Asha nun täglich bei mir. Um die Mittagszeit, zwischen Koranunterricht und Schule steht sie unten an der Türe. Nebst Mangos mag sie auch Chapatis, überhaupt alles, was ich ihr anbiete, doch isst sie das nie hier, sondern packt die Sachen in Zeitungspapier ein und nimmt sie mit. Wem bringt sie das Essen wohl? Und: hat sie Hunger? Wie bei allen Kindern, bin ich nie so sicher, ob, was sie mir erzählt, die Wahrheit ist. Nicht genug zu essen. Doch umgekehrt weiss sie was Käse, etwas hier ziemlich exklusives, ist und schätzt den ebenfalls. Ist das Essen hier einfach besser als Zuhause? Heute sind Ali und ich gerade daran, ein sehr spätes Morgenessen einzunehmen, als Asha auftaucht. Sie setzt sich zu uns und kriegt Honigbrot. Und versteht – wie ich nachher bemerke – recht viel von unserem Gespräch, das wir in Englisch führen. Dass wir diesen Regentag mit einem Essen auswärts beenden wollen. Das „Serena Inn Hotel“ würde mich schon reizen, soll es doch die Spitzenküche der Insel haben. Und halte mich dann doch nicht dafür. Für ein Essen soviel auszugeben, wie hier eine Mittelstandsfamilie pro Monat verdient. Das scheint mir nicht richtig. Obwohl ich denselben Betrag in der Schweiz ohne grösseres Zögern ausgeben würde. – Asha zeichnet darauf ein Haus mit einem Hotelportier im Eingang und schreibt über die Zeichnung „Serena Inn Hotel“. Jeden Tag hat sie eine Zeichnung gemacht. Häuser und Menschen bevorzugt sie, wenn ich sie bitte, ein Tier zu zeichnen, bereitet das mehr Schwierigkeiten. Die schönste Zeichnung macht sie nach einem Asiatischen Modeheft, das sie mitbringt. Die Frauen in ihren auch für mich spannenden modischen Kleidern. So möchte sie auch aussehen.

Freitag, 24. April 2009

22. April 2009


„Burak“ und „Mubarak“ Seite an Seite am Strand, die Ladetüren weit offen. Ich beobachte die zwei alten Fährschiffe vom Livingstone Restaurant aus. Am Tisch neben mir im Halbfinsteren - die Restaurants hier lieben es, ihre Speisen im Dunklen zu servieren, vielleicht auch besser so – die Stimmen eines amerikanischen Paares. Wie in einem Film komme ich mir vor, die männliche sonore Stimme, der Film „Casablanca“ streift durch meinen Kopf, passt zu der schwülen und schummrigen Atmosphäre, doch erst auf Jagd das Paar, wie ich bemerke. Die beiden scheinen sich noch nicht wirklich zu kennen, Geschichten von Mexiko und Venezuela schnappe ich in Bruchstücken auf, ich bin nicht wirklich konzentriert, weil am zeichnen, träumen auch, und gleichzeitig muss das Paar am Tisch genau vor mir ebenfalls beobachtet werden. Auf meinem Bild im Vordergrund. Der Mann im Profil am Labtop, sein Gesicht und der Oberkörper vom Bildschirm gespenstisch beleuchtet, die Frau daneben von hinten, ein schwarzer Umriss vor den Lichtern der Schiffe. Kaum habe ich den Mann in etwa skizziert, erhebt er sich bereits und verschwindet. Und kehrt erst eine halbe Stunde später wieder zurück, die Stimmung scheint gereizt zu sein, die Handbewegungen der Frau weit ausschweifend und nervös, hier höre ich nichts mehr von der Konversation, meine eigene Geschichte wird das, ich sehe eine enttäuschte Frau, der Mann, der die Romantik der Stunde nicht fühlt, nicht die Bedürfnisse der Frau erkennt, der übliche Skandal in den Ferien. Und die „Mubarak“ gleitet nun plötzlich geräuschlos, angekündigt einzig durch eine Änderung der Beleuchtung, vom Strand weg rückwärts hinaus ins Meer, dreht langsam ab und verschwindet in der Finsternis. Geheimnisvoll.
Ich hatte gerade noch genug Zeit, die beiden Fährschiffe und als Vordergrund die Gäste des Livingstone, zu skizzieren. Am meisten Schwierigkeiten macht mir die Tatsache, dass die Kerze auf dem Tisch vom Wind gepeitscht wild flackert und schliesslich gänzlich erlischt. Ich sehe nicht mehr was ich zeichne, zum Glück muss ich die Farben nicht auswählen, denn in der Dämmerung hat es nur noch wenige und wenige auch habe ich mitgenommen. Trotzdem, irgendeinmal höre ich auf mit der Aktivität und beschränke mich einzig aufs Beobachten. Versuche im Gedächtnis zu behalten, was ich sehe und höre und fühle. Einerseits um nachträglich meine Skizze zu beenden. Andererseits möchte ich das Erlebte in Worte fassen. Doch ob man das wirklich weiter vermitteln kann? Und sehe ich wirklich, was ich glaube zu sehen?

Die kurze - in einer halben Stunde ist das Spektakel beendet - Dämmerung in den Tropen. Im Prinzip gehe ich mehr ihretwegen am Abend ans Meer, als wegen der zugegebenermassen meist spektakulären Sonnenuntergänge. Wenn plötzlich alles verschwimmt, ins gleichmässige Dunkel eintaucht, nur noch Ahnen, Interpretation. Unschärfe, verschwinden der Konturen. Das hat etwas unheimlich Faszinierendes an sich. Die Unsicherheit, das nicht eindeutig Wahrnehmbare, die konstante und rasche Veränderung während dem Eindunkeln.

Bei Sonnenuntergang treffe ich wieder einmal den Herrn Meffert, den ehemaligen Deutschen Honorarkonsul am Strand. Noch länger als ich ist er diesmal von Sansibar weg gewesen, von Oktober bis in den April. Und findet, das reiche nun sicherlich für drei Jahre. Kein Winter mehr in Europa. Und erzählt mir, dass das grosse Gebäude gleich neben dem Afrika House, das momentan renoviert wird und ehemals der Wohnsitz des Herrn Ruete, des zukünftigen Gatten der legendären Prinzessin Salme war, nun auch in die Karume-Familie gewandert sei, ein Sohn. Damit dürfte nun so zirka die Hälfte der wertvolleren Gebäude entlang des Meeres rings um die Stone Town in den Besitz der Präsidentenfamilie gegangen sein. Trotzdem erlaube ich mir wieder einmal, im „Livingstone“ ein Bier zu trinken – selbst wenn auch dieses Restaurant zum Imperium der Präsidentenfamilie gehört. Mit einem ganz klein wenig schlechten Gewissen, das schon. Und einer noch viel grösseren Wut im Bauch.

Mubarak, Barak, Fatia und die drei Azizas. Die Fährschiffe, die während der Renovation des Hafens sehr beschäftigt waren mit dem Transport von Gütern, Autos und Lastwagen von Daresalaam nach Sansibar. Seit rund vier Monaten ist der neue Hafen nun fertig gestellt, ganze drei Containerschiffe warten seit Tagen im Hafen um gelöscht zu werden. Und die „Mubarak“ dreht mit nur sehr geringer Ladung ab in die Finsternis. Die guten Zeiten dieser Art verlotterter Fährschiffe, die eigentlich schon längstens ausrangiert sein müssten, sind jetzt wieder vorbei. Zwei der drei Schwesternschiffe mit Namen „Aziza“, im Besitz der „Azam Company“, die gleichzeitig Besitzerin einer Milchverarbeitungsfirma ist, legendäre Jogurts und Eiscremes, sollen während meiner Abwesenheit an der zweiten Anlegestelle etwas nördlicher, bei Bububu ausgebrannt sein. Ich glaube nicht an einen Unfall. Zwei schrottreife und arbeitslose Schiffe in Flammen aufgegangen. Die waren bestimmt gut versichert.

Dienstag, 21. April 2009

21. April 2009




Ali kündigt mir Besuch an, der unten auf mich warte. Das kleine Mädchen von gestern ist wieder vorbeigekommen. Diesmal merke ich mir seinen Namen mit einem Trick, ich frage, ob es ihn auf seine Zeichnung schreiben könne. Asha schreibt es. Ich frage, ob Asha und der sehr beliebte Name Aisha – den Liebessong „Aisha“ kennen hier alle – denn derselbe Name sei? Nein, antwortet sie mir, das seien zwei verschiedene Namen. Nach dem Zeichnen singt mir Asha ein langes Lied auf Swahili und Englisch vor und tänzelt dazu. Zwei grosse Nägel, die sie zusammenschlägt, oder auch an die Wand oder auf den Tisch, dienen ihr als Musikinstrument. Anschliessend zeigt sie mir ihr Aufgabenheft und ich stelle erstaunt fest, dass sie auch bereits Arabisch lernt. In Wort und der doch recht anderen Schrift. Anschliessend singt sie mir aus dem Koran vor, das gehört zu der Ausbildung und singen und malen, das scheint Asha sowieso gerne zu machen. Addieren, Multiplizieren und Dividieren das kann sie auch und zeigt mir stolz ihre Übungen. - Wie ähnlich in ihrem Verhalten doch die Kinder überall auf der Welt sind. Stolz auf alles, was sie gelernt haben. Und ich denke erst jetzt daran, dass Asha dasselbe Alter wie Gianna hat, auch wenn sie sicherlich einen Kopf kleiner ist, was mich zuerst glauben liess, ein viel jüngeres Kind vor mir zu haben.

Asha hilft mir dann Wäsche aufhängen und erhält von den süssen Gebäckkugeln, die Ali heute Morgen mitgebracht hat. Ein Geschenk von Verwandten. Auch dies etwas bei uns nicht Geläufiges. Sehr oft werden einem hier Lebensmittel geschenkt. Die Besitzerin unseres Hauses gibt Ali regelmässig Orangen oder selber gebackene Pfannkuchen oder Fruchtsaft mit. Und als wir einmal Alis Familie auf dem Land in Mangwapani besuchen gingen, kehrten wir mit vielen Früchten zurück und konnten uns nur mit Mühe dagegen wehren, dass auch noch ein lebendiges Huhn dazu kam.

20. April 2009


Heute ist Besuchstag. Am Morgen, ich bin daran, das Frühstück zuzubereiten - Ali isst jetzt auch hier bevor er seine verschiedenen Medikamente einnimmt, er hat sich wieder einmal fast einen Daumen abgeschnitten - ist plötzlich wieder das kleine Kätzchen bei uns im Hof, das sich schon gestern hinein getraut hat, als die Eingangstüre zur Strasse offen stand. Mir scheint es wie gesandt, hat doch Ali kürzlich gemeint, da müsse man warten, eine geeignete Katze suchen, das sei nicht so einfach, manchmal komme dann einfach eine her gelaufen. Denn eine Katze brauchen wir. Die Mäuse – oder sind es Ratten, manche sind doch recht gross, haben sich wieder extrem vermehrt und werden frecher und frecher. Rumoren die ganze Nacht in den Dächern herum, oder rasen und balgen und fiepen auf dem billigen Wellblech. Das Laub der Passionspflanze, das nun die Dächer bedeckt, das locke die Tiere an, meint Ali. Wie dem auch sei, kürzlich ist im Hof eine Maus links von meinem Fuss vorbeigerast und eine halbe Sekunde später dann auch noch eine rechts davon direkt in die Küche. Dorthin getrauen sie sich sogar, wenn ich am Kochen bin. Und wenn es wieder einmal die heiss geliebten Käseschnitten gibt, dann werden sie furchtbar nervös. Mäuse und Ratten scheinen weitaus am besten zu riechen, lese ich eben in einem Buch über den Geruchssinn, mit Titel: Das Maiglöckchen-Phänomen. Gefolgt von Hunden und Katzen. Deshalb wohl werden Ratten zum Bombenaufspüren trainiert. Zurück zu dem winzigen Kätzchen, das plötzlich wieder neben mir steht. Es gefällt mir, ein Tigerchen der ganz besonderen Art. Nebst der Streifung hat es auf dem Rücken und dem Bauch Gepardenflecken, die statt schwarz etwas rötlich herausgekommen sind. Und die Ohren sind riesig, es wächst ja noch, die Augen ebenfalls und blicken mich bernsteinfarbig an. Doch ganz offensichtlich ein Männchen, das sieht man. Und der Ali will nicht noch einmal einen „Moudi“. Wegen der unangenehmen Geruchsemissionen. Der Kleine kriegt trotzdem ein Butterbrot und Käse mag er ebenfalls. Und wird immer zutraulicher, würde mir sogar die Treppe hoch folgen. Doch ich reise ja bereits in zehn Tagen ab, keine Verantwortung, ich setzte das Katerli wieder auf die Gasse hinaus. Ein netter Kerl sei das, meint auch Asfara. Er sei jetzt gerade ins Tipputip Haus hineingegangen. Katzen sind eben alles andere als treu.

Ich sitze dann etwas in der noch schattigen Gasse, den kühlenden Meerwind im Rücken und zeichne. Unser Haus, den Asfara, alles sehr flüchtig scheint mir, überhaupt nicht genau. Trotzdem bleiben die zwei kleinen Mädchen, die von der Schule zurück kommen, bei mir stehen und kommentieren mein Bild. Und erkennen darauf alles, selbst den Asfara, da staune ich. Ich zeichne die beiden dann auch noch, das freut sie und ich bin immer erstaunt, wie ernsthaft und ruhig die Kinder hier Model sitzen. Dann gehe ich zurück ins Haus. Das eine der Mädchen folgt mir in den Hof und gibt mir zu verstehen, dass es auch zeichnen möchte. Ich gebe ihm Farben und Papier und es zeichnet und erklärt mir das auch, das „Afrika House“ Hotel mit den Fremden, den „Wageni“. Später merke ich, dass es bereits recht gut Englisch spricht, besser wohl als ich Swahili. Zehnjährig sei es und sagt mir seinen Namen, den seines Vaters und den seiner Mutter, die ich alle sofort wieder vergesse. Es wohne auch im Shanganiquartier, gleich um die Ecke. Und gehe in „Vuga“, dem früheren Europäerquartier etwas südlicher, bei den „Victoria Gardens“ - heute wohnen dort vor allem Chinesen - zur Schule. Eine öffentliche Schule sei das, keine private. Und zeichnen, das würden sie auch in der Schule. Ich bin beruhigt. Es scheint also doch auch gute staatliche Schulen hier zu geben. Und gute Schülerinnen.

19. April 2009


Nach den starken Regenfällen der letzten Nacht, die endlich wieder unseren Giesswasservorrat ergänzt haben, ist nochmals extrem viel Sand ins Meer hinaus geschwemmt worden, der Abbruch in den steileren Teilen der Küste beträgt nun fast einen Meter und die Quaimauern sind bis zu ihren verrotteten Fundamenten freigelegt. Und gestern Abend fühle ich zum ersten Mal fast ein wohliges Frösteln am Strand, die Luft ist angenehm frisch. Erst am Abend haben sich die finsteren Regenwolken wieder verzogen und einen bunten, von tiefschwarzen Wolkenresten scherenschnittartig überzogenen, dramatischen Sonnenuntergang freigegeben. Ich sitze Richtung Hafen auf einer Treppe und versuche das Ganze zeichnerisch festzuhalten. Eine Frau setzt sich neben mich und begrüsst mich. Ich grüsse ebenfalls, zurückhaltend, habe Angst vor der Störung. Doch sie sitzt einfach da, schaut auf das Meer hinaus und beachtet mich nicht weiter. Als es dann fast ganz finster ist und ich aufhöre zu arbeiten, beginnen wir zusammen zu sprechen. Auf Swahili. Und ich bin erstaunt, wie viel ich dabei verstehe. Sie wohne gleich hinten im Quartier. 25 Jahre alt sei sie, nein, einen Mann habe sie nicht, da müsse man warten, Inshallah, wenn Gott will, komme das noch. Drei Kinder, das verstehe ich, aber ob es ihre eigenen sind - jetzt bei den Grosseltern - oder ob sie hier als „mtumishi“, als Hausangestellte für drei Kinder schaut, das wird mir nicht ganz klar. Ihre Arbeit sei, Erdnüsschen in Tütchen abzufüllen und zu verkaufen. An Kinder meist. Und vor ein paar Tagen sei ein Fährschiff mit 200 Menschen untergegangen. Vor Tanga meint sie. Ali hat mir erzählt vor Pemba sei das passiert, Explosion im Motorraum, dann Feuer. Wahrscheinlich hat sich der Unfall auf der Überfahrt von Pemba nach Tanga ereignet. Selbst das verstehe ich auf Swahili. Aber das Aussergewöhnliche an der Begegnung mit dieser Frau, das habe ich Mühe mit Worten festzuhalten. Diese Selbstverständlichkeit, mit der sie sich zu mir gesetzt hat. Bereits dass sie ganz alleine unterwegs war, das tun die Leute hier kaum, auch das vertraute Gefühl, das sich sofort zwischen uns eingestellt hat, normalerweise bin ich sehr leicht irritiert, wenn sich mir jemand nähert beim Zeichnen. Und die seltsame Tatsache, dass die Frau – trotz meinem sehr schlechten Swahili - nicht zu bemerken scheint, dass ich eine Fremde bin, sie geht gar nicht darauf ein, fragt nichts und wenn ich ihr zwischendurch sagen muss, ich hätte nicht verstanden, dann wiederholt sie das Gesagte genau gleich schnell und mit denselben Worten, scheint einzig das Gefühl zu haben, es sei nicht laut genug gewesen. Sie ist sich offensichtlich nicht bewusst, dass ich eine andere Sprache spreche, dies nicht meine Muttersprache ist. Und ich fühle mich wohl, ihr zuhörend, selbst wenn ich nicht ganz alles richtig mitbekomme, trotzdem ist eine Verständigung da. In Shangani wohne ich. Das sei weit weg, meint sie, der Weg gefährlich. Wahrscheinlich ist sie noch nicht oft von ihrem nördlichen Hafenviertel die viertel Stunde Fussweg hinunter in den Süden, ins Touristenquartier gekommen. Als es ganz finster ist stehen wir gemeinsam auf und machen uns auf den Weg. Schon bald verabschiedet sie sich von mir und biegt in ein schmales Gässchen ein.

17. April 2009


Das seit Tagen stark aufgewühlte Meer frisst den Sand vom Ufer weg. Zwischen der Flutlinie und dem vom Wasser auch bei Höchststand nicht bedeckten Teil des Strandes hat sich ein Absatz von gut einem halben Meter ausgebildet und die tiefsten Stufen der gänzlich verlotterten Quaimauern erreiche ich nur noch mit Mühe vom Ufer her. Der Südwestpassat hat sich installiert und nachdem die „MV.Ane“ gestrandet ist, liegt ausser dem modernen weissen Katameran kein einziges Boot mehr vor dem „Afrika House“, alle übrigen wurden in den Norden der Landspitze, Richtung Hafen verschoben, wo der Südwestwind kaum mehr herein dringt.
Heute Morgen liegen nicht Algen auf dem Strand, sondern flache Seegrasbüschel. Immer wieder anders. Jeden Morgen neu. Die Küste umgeformt, das Meer weit draussen oder an die Quaimauern klatschend, ständige Veränderung, an nichts kann man sich festhalten. Die Gesetze von Ebbe und Flut beginne ich zwar langsam zu verstehen, doch trotzdem immer wieder Überraschungen. Erwarte ich von der Zeit her zwar Ebbe und einen breiten Sandstreifen, so ist der möglicherweise dann trotzdem nicht breit, weil vom Meer gerade weggefressen.....

14. April 2009


Gestern habe ich geputzt, alte Häuser werden sehr rasch schmutzig, und heute liegt bereits wieder eine Staubschicht auf meinem Schreibtisch. Der starke erfrischende Wind aus Südwest bringt auch Unerwünschtes mit sich. Eigentlich ist es viel zu trocken für die Jahreszeit. Das Meer ist extrem aufgewühlt heute Morgen, eines der Boote der „Zanzibari Divers“, die MV.Ane hat ihren Anker losgerissen und ist an die Küste getrieben. Hier liegt sie nun am Strand auf der Seite, halb gefüllt von den hohen Wellen, die Flut ist immer noch am steigen. Umgeben von den laut palavernden Watchmen. In allen grösseren Booten hier übernachtet jemand, der auf das Boot aufpassen muss und es vor Diebstahl schützen. Seit neustem haben die Leute ein Gummiboot, um zu den Schiffen hinaus zu gehen. Einer nach dem andern wird dann am Morgen eingesammelt und auf das Festland zurück gebracht. Vorher mussten sie immer hinaus- und am Morgen wieder hinein schwimmen. Die MV.Ane, ein grosses Dahu mit Aussichtsdach, sieht jetzt recht jämmerlich aus, wie ein gestrandeter Walfisch, umgeben von all den Männern, die auch nichts mehr ausrichten können, ausser die nassen Teppiche und die Kissen aus dem Boot zu ziehen. Und die Ebbe abzuwarten um das Boot dann leer zu schöpfen und bei der nächsten Flut wieder aufs Wasser zu bringen. So denke ich mindestens. Doch offensichtlich haben sie andere Pläne. Bis herauf in unserer Wohnung höre ich die beiden grossen Motoren aufheulen. Vergeblich, wie mir Ali berichten kommt, das Boot sei nun nur noch viel schlimmer im Sand festgefahren.
Heute gäbe es keinen Fisch, weiss Ali weiter zu berichten, der werde sehr teuer sein auf dem Markt. Denn die Fische, die würden eine derartig aufgebrachte Meeresoberfläche meiden und sich in tieferes Wasser verziehen. Unerreichbar für die Fischer hier.

Apropos Fisch. Mein Lieblingsfisch im Lukmaan ist der billigste Fisch, die „Kibua“, eine Art Sardine, die ich unterdessen – wenn gut knusprig gebraten - fast mit Stumpf und Stiel aufesse. Falls der jedoch ausgegangen ist, so nehme ich oft eine Scheibe Thun- oder Kingfisch. Nur sind die mir dann meistens zu gross, weshalb ich die eine Seite sorgfältig herausoperiere und die zweite Seite unberührt liegen lasse. Und anfangs den jeweiligen Kellner etwas verschämt darauf hinwies, das könne man noch essen. Doch keine falschen Hemmungen. Hocherfreut setzt sich Jaribu, der kleine Kellner aus Daresalaam zu mir an den Tisch und stürzt sich auf den Fisch. Und Moddy, ein anderer Kellner, fragt mich sogar vorsichtig, ob er das denn essen dürfe? - Ali erklärt mir später, dass die Angestellten gratis nur die billigen Fische essen dürften, eine Scheibe Kingfisch, das müssten auch sie bezahlen. Nur reue sie das eben, solange es auch Gratisessen gebe. – Überhaupt weiss ich im Prinzip, dass in vielen Restaurants die Angestellten sogar sehr froh um übrig gelassene Speisen sind und sich in der Küche hungrig darauf stürzen.

Meine Papayapflanze kriegt heute einen Sonnenschirm, denn offensichtlich hat ihr die Umtopfaktion gestern arg zugesetzt, die Blätter hängen schlaff herab. Höher gewachsen als ich ist sie bereits. Und, wie Ali prophezeit hat, ein Weibchen, also eine Pflanze, die Früchte geben wird, denn bei den Papayas – bei Pflanzen eher ungewöhnlich, die meisten sind Zwitter – gibt es männliche und weibliche Pflanzen. Vor ein paar Tagen habe ich winzige Knospen in den Blattachseln entdeckt und begann deshalb zu hoffen. Dummerweise habe ich nun gestern ein blühendes Papayaweibchen etwas genauer angeschaut. Die Blütenknospen liegen unterhalb des Blattstieles in der Blattachsel, wo sich auch die hängenden Früchte entwickeln werden. Mein Baum hingegen hat die kleinen Knospen oberhalb des Blattstieles ausgebildet. Ein nicht sehr ermutigendes Detail.

13. April 2009


Erster Arbeitstag nach dem Osterwochenende. Auch hier ganze vier Feiertage, die Büros alle geschlossen, Ferienstimmung, denn es werden vorzugsweise alle islamischen, christlichen und auch revolutionären Feiertage strengstens eingehalten. Vor allem die Hindus, weiss man zu berichten, würden Ostern sehr gerne feiern, weshalb es zu dieser Zeit viele Besucher vom Festland hat. Mody freute sich über das Geschäft, die lassen sich gerne mit Boten aufs Meer hinaus schaukeln und auch die Massagefrauen an der Ostküste hatten ihre Extraeinnahmen.

Unser Nachbar Asfara meint zu mir, die Strassenputzfrau - sie steht neben ihm - die brauche jetzt 200 Shilling, also 20 Rappen für das DalaDala, damit sie nach Hause fahren könne. Und er brauche 50 Rappen, damit er sich ein anständiges Frühstück bezahlen könne. Ich gebe der Strassenreinigerin 40 Rappen – hin und zurück meine ich, sie lacht erfreut - und dem Asfara seine 50 Rappen. Doch das Geld, das ich ihm bisher bezahlt habe, damit er mir alle zwei Tage zwei Kanister voll Stadtwasser holen gegangen ist, weil unseres einfach zu salzig ist zum Genuss, das beleidigt ihn. Offensichtlich will er nicht arbeiten für Lohn, sondern lieber gratis als guter Nachbar einen Gefallen tun. Und dann zwischendurch für Geld betteln. Das scheint ihm würdiger zu sein. – Ali versteht das sehr gut. Es sei wichtig, ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn zu haben. Und ein gutes Gefühl, jemandem einen Gefallen tun zu können. Und dann eben zwischendurch auch einen Gefallen anzunehmen. Nicht diese genaue Abrechnerei: Tust du das, so gebe ich dir soviel dafür. - Ich akzeptiere das, und gebe dem Asfara nun nur noch Geld, wenn er mich darum bittet. Und finde das eigentlich auch sympathischer als unser buchhalterischer Lebensentwurf.

Desgleichen wenn ich dem Ali sage, ich hätte gerne ein Auto, um an die Ostküste zu fahren. Ob ich wohl den Wagen vom Othman für drei Tage mieten könne? Inzwischen ist ja das Restaurant derartig gut organisiert, dass sie das Auto nicht mehr zum Einkaufen benötigen, die Händler bringen die Waren direkt in den Lukmaan. Das gehe sicherlich, meint er, da könne der Othman gar nicht nein sagen, manche Gefallen müsse man einfach tun. Ich bin dann auch sehr zufrieden mit dem kleinen hochbeinigen Jeep, einzig ein sechster Gang wäre nicht schlecht, denn bereits bei 60 Stundenkilometern beginnt der Motor unangenehm hoch zu drehen. Und gebe dem Othman 50 Dollar dafür. Plus Benzin. Einen Drittel dessen, was mich ein Mietwagen gekostet hätte. - Nun ist damit aber seine Schwester, die Mariam, der das Auto gehört, verheiratet mit einem reichen Regierungsmann, gar nicht zufrieden. Nicht weil ihr Bruder das ihm gratis zur Verfügung gestellte Auto weiter ausgeliehen hätte, nein im Gegenteil, weil er das Geld angenommen habe. Das tue man nicht. Grosszügigkeit und Gastfreundschaft dann eben auch wieder, die wir in der Schweiz überhaupt nicht kennen.

Dienstag, 14. April 2009

6. April 2009


Die Bilder vermischen sich. Was ich glaube, ein Ausschnitt vom Meer bei Daresalaam zu sein, entpuppt sich plötzlich als Erinnerung an Belize City. Beides tropische Städte, obwohl erstere, eine Millionenstadt, so genau weiss man das nicht mit all den Vororten, gegenüber Belize City mit 200'000 Einwohnern ein ganz anderes Kaliber ist. Lärmiger, viel mehr Verkehr. Doch beide Städte liegen am Meer. Sind schmutzig und chaotisch, verlotterte Häuser. Wobei: Von Hurrikanen unbewohnbar gemachte windschiefe Holzhäuser, das gibt es nur in Belize City. In Daresalaam, mindestens im Zentrum, und das ist das einzige, was ich besser kenne, ist der Platz rar und teuer geworden. Eine unheimliche Bautätigkeit. Jedes Mal, wenn ich wieder komme, neue Hochhäuser und alte zum Teil auch wertvolle Gebäude verschwunden. – Doch beide Städte sind rings um eine schmutzige Bucht oder Flussmündung entstanden. Und bei beiden haben die Ufer nichts einladendes. Das Meer am Ende einer von Schlaglöchern übersäten Strasse plötzlich da und stinkend. Keine Strandpromenaden. Und den kleinen Park, den ich eben vor meinen Augen hatte, gleich neben dem Meer, von älteren stattlichen Häusern und Bäumen umgeben, den habe ich nicht in Daresalaam gesehen, der steht in Belize City, der Stadt, die den Ruf hat, eine der gefährlichsten in Zentralamerika zu sein. Wohl deshalb sah ich dort kaum Touristen, denn die logieren an schönen Stränden ausserhalb der Stadt. Auch Daresalaam ist keine Touristenstadt. Viel gibt es an beiden Orten nicht zu besichtigen. Ausser dem wahren, ungeschminkten Leben.

Ich mache mir Gedanken über den menschlichen Metabolismus unter tropischem Klima. Weil mir da manches ungereimt scheint. In der feuchtigkeitsgeschwängerten Hitze schwitzt man sehr viel, fühlt sich eigentlich dauernd feucht oder sogar gänzlich nass an. Umgekehrt ist mir aber schon lange aufgefallen, dass die Einheimischen viel weniger trinken als wir. Und noch merkwürdiger, ich stelle fest, dass ich selbst hier weniger Durst habe und trinke als in der Schweiz, der Flüssigkeitsbedarf offensichtlich geringer ist. Ich bemühe sowohl meine anatomischen wie auch meine physikalischen Kenntnisse und komme doch zu keinem Reim. Ist das nun einfach Kondenswasser, was an unserem Körper heruntertropft? - Vom physikalischen Standpunkt her spricht dagegen, dass die Körpertemperatur von 36 Grad in etwa auch der Umgebungstemperatur entsprechen dürfte, viel kühler als diese kann unsere Haut kaum sein. Als kalte Kondensationsfläche ist sie deshalb nicht geeignet. Vom anatomischen Standpunkt her spricht dagegen, dass die Einheimischen sehr salzig essen, was auch mir gelegen kommt, mag ich doch sowieso salzig und kann dem hier umso ungestörter frönen. Dies wiederum deutet darauf hin, dass es eben doch Schweiss ist, was an uns herunter tropft, den Schweiss bedeutet ja auch Verlust von Salzen, die mit der Nahrung wieder aufgenommen werden müssen. Ich werde also nicht klug aus dem ganzen. Man müsste dem wissenschaftlicher nachgehen.

Gestern habe es in Italien ein grosses Erdbeben gegeben erzählt mir Louis, der einheimische Portugiese und Freund vom Superpower, drogenkrank auch er und wie der Araber nicht mehr jung und aus guter Familie stammend. Der Louis wohnt immer noch mit seiner alten Mutter zusammen und ist für hiesige Verhältnisse gebildet. Ich habe nichts von dem Erdbeben vernommen, denn Zeitungen kaufe ich nur sehr unregelmässig, zu stark ist ihr Inhalt auf Afrika konzentriert. Unser Fernseher funktioniert seit gut einer Woche nicht mehr, Ali hat die Gebühren nicht bezahlt, vermutlich wurde der abgeschaltet und nun sollte ein Techniker kommen, der die Leitung wieder einschaltet, doch der lässt auf sich warten. Zwischendurch BBC, schlimmstenfalls CNN um auf dem Laufenden zu sein, das wäre doch nicht schlecht.

11. April 2009







Zu einem nebelartigen Brei verschmelzen am Morgen früh die Silhouetten der Wolken. Um halb sieben, als ich an den Strand gehe, wäre hier an der Ostküste die Sonne schon hoch oben am Himmel, nicht wie bei uns im Westen, wo erst gegen sieben die höchsten Hausgiebel angeleuchtet werden und die Schiffe weit draussen im Meer. Heute ist es stark bewölkt, die Sonne als gelblicher Schein im Grau zu erahnen. Darüber eine schwarze Wolkenbank. Ich gehe dem Strand entlang Richtung Jambiani. Das Dorf endet hier rascher, als ich angenommen habe, schon bald nur noch Palmen und Bäume, die den Strand säumen. Wenige Leute nur. Der Wind wird stärker, die Wolken schwärzer und ich entscheide mich, umzukehren und erreiche das schützenden Hoteldach gerade noch vor dem Wolkenbruch. Ein kurzer nur, auch nicht besonders heftig. Gerade genug, alles nass zu machen. Eine halbe Stunde später sitze ich bereits am noch einsamen Strand und skizziere die Schirme und Liegestühle, versuche die Komposition meines Strandbildes zu finden und Details festzuhalten. Doch schon bald vertreibt mich eine stechende Sonne.

„Mama Lukmaan“. Im Superduka, dem Supermarkt nicht ganz nach schweizerischer Art, in dem ich heute Nachmittag solidarisch Getränke eingekauft habe - etwas Kühles war dringend notwendig - kennt man mich offensichtlich ebenfalls. Ja, auch aus der Stone Town, nur vorübergehend hier. Vis-a-vis vom TippuTipp Haus wohne ich doch und der Nachbar sei Asfara, der Superpower. Bekannt also auch ich. Oder die Insel eben wirklich klein.

CCM steht neben dem Hoteleingang, Chama cha Mapinduzi, Revolutionspartei die Übersetzung, die Partei, die seit der Revolution 1964 an der Macht ist. Sich an die Macht krallt. Mein Baumhaus Bungalow – in einen Baum ist es nicht wirklich gebaut, doch die gemütlich eingerichtete Aussichtsplattform, Sofas, Sessel, ein Tischchen auch mit Stuhl unter einem schattenspendenden Palmendach, da sitze ich nun an meinem Computer, trägt den Namen Abeid Karume. Den Namen des ersten Präsidenten. Die sehr hellhäutige Besitzerin des Hotels, edel sieht sie aus, ist Araberin – doch schon seit Generationen in Sansibar sesshaft meint sie – beklagt sich über hiesige Moral und Politik. Lange sprechen wir zusammen. Mir hat ihre Herberge auf den ersten Blick gefallen, schöner Garten, viele Pflanzen, geschmackvoll eingerichtet, ich habe nun sogar den besten Bungalow für mich ganz alleine gekriegt. Sehr belebt ist es ja nicht im Moment, ich bin der einzige Gast. Der Raum unten ist zwar nicht riesig, doch liebevoll eingerichtet, auch das Badezimmer. Und dass nicht so ganz alles mit den Wasserleitungen klappt, das übersehe ich diesmal grosszügig. Und verlange einen grossen Wassereimer. Ich sei mir dies gewohnt, kein Problem.
Bildung brauchten die Leute hier, meint die Besitzerin des Hotels mit Namen „Palm Beach“ in Bwejuu, und meint damit nicht nur Sprachen und Englisch und Religion, sondern dasselbe wie ich, nämlich Ethik. Nachlässigkeit, Unzuverlässigkeit, lügen, stehlen, korrumpieren, all dies zeuge davon, dass die Leute hier keine Erziehung hätten. Sie wolle in der Stone Town eine Kinderpension einrichten für all die Kinder vom Land. Denn höhere Schulen und eine Universität, das gebe es nur dort. Die Kinder vom Land kämen deshalb in der Stone Town zu Verwandten, die sich kaum um sie kümmerten, sie häufig auch als Dienstleute missbrauchten. So könne ein Kind kein Selbstbewusstsein entwickeln und dort fange das Übel bereits an. Sie habe hier an der Ostküste noch ein grosses Grundstück, 1.5 Millionen Dollar sei das wert, sie habe genug Geld, um so etwas aufzubauen. Und die Eltern, die würden das mit Naturalien bezahlen, mit Früchten Gemüsen, arbeiten auch für die Schule, zwischendurch einen Monat gratis dort kochen. Die Kinder an den Wochenenden in den Gärten arbeiten, so könnten auch sie etwas dazu beitragen und würden nicht auf der Strasse herumhängen. Und die Sibylle, die deutsche Gründerin der Chumbe Island, gerade gestern sei die hier gewesen, eine gute Bekannte von ihr. Wie klein ist doch Sansibar! - Eine Stunde später und einen halbstündigen Spaziergang nordwärts treffe ich dann auf eine Deutsche, die im Shangani-Quartier gleich um die Ecke wohnt. Beide können wir uns nicht erinnern, uns jemals begegnet zu sein. Und sind es ganz bestimmt. Sie habe die Musikschule aufgebaut, bis 2007 dort gearbeitet, sei dann für einige Zeit von Sansibar weggegangen. Sie wolle sich jetzt hier neu orientieren, wisse noch nicht was. Sansibar hat auch sie zurückgeholt.
Ich treffe die Frau in dem kleinen Ressort der Schweizerin Anne, die momentan geschlossen hat. Drei Monate Ferien, das Geschäft sei letztes Jahr gut gelaufen. Die Familie sei da, ich könne nicht dort wohnen, meint sie am Telefon. Vielleicht hereinschauen, das schon. Wir Schweizer mögen uns nicht wirklich im Ausland, weichen uns eher aus. Eigentlich kenne ich das ja selbst von Paris her.
Anne also, von den Leuten hier Doktor genannt wie ich merke, sie ist Krankenschwester und scheint hier nicht nur Leute zu verarzten, sondern auch Tiere, hat eine etwas andere Ansicht zu meiner Hotelbesitzerin, die Naila heisst. Ja die sei halt immer etwas neidisch, meint sie, als ich berichte, dass sie abschätzig über das Ostertreffen der CCM im benachbarten, recht verlotterten Dere Hotel gesprochen habe. Hier würden sich die Leute sowieso nichts gönnen. Das sei eine Krankheit hier. Naila sei übrigens eine bekannte Politikerin, im Jahre 2000 habe sie gar für die Präsidentschaft kandidiert, aussichtslos zwar. Und doch, zwar eine knallharte Businessfrau, aber eine aktive Frau sei das schon, was sie denn jetzt im Schilde führe?

Und eben gerade habe ich am Eingang des Hotels festgestellt, dass offensichtlich auch Naila der Regierungspartei angehört. Der gleichen, die im benachbarten Hotel ein Ostertreffen hat. Später kommt dann auch ein wohlhabend aussehendes Paar ins Hotel sie zu begrüssen. Ich entnehme dem Gespräch in Swahili, dass sie aus Arusha kommen und ebenfalls politisch aktiv sind. – Was soll ich nun glauben, wie mich fühlen? Habe ich doch heute Morgen gesagt, das Schlimmste hier in Afrika, das sei, dass bei einem Regierungswechsel überhaupt nichts ändere, denn die neuen Leute würden innert Kürze dieselben Untugenden annehmen, wie die vorherigen. Sich persönlich bereichern, das sei das Wichtigste. Und sie hat mir beigepflichtet. Nun bin ich plötzlich verunsichert. Wo liegt die Wahrheit? Wer täuscht mich? Oder auch sich selber?

Anne’s Schwester ist etwas erstaunt, als ich ihr erzähle, der Eddy, Anne’s Mann habe mir erzählt, er habe in der Schweiz in Herzogenbuchsee gewohnt. Habe er das? Was der alles erzähle. Ja, wenn sie in die Schweiz in die Ferien kämen, dann wohnten sie schon dort. Der erzähle eben auch nicht immer nur die Wahrheit. - Realität, Wünsche, Träume, Projekte, Vorhaben, all dies vermische sich bei den Afrikanern zu einem Brei, das lasse sich nicht sauber auftrennen, verteidige ich sie immer. Ali ist nicht meiner Meinung. Sehr wohl könnten sie Schwarzen das auch. Gelogen würde auch hier bewusst, das sähe ich so falsch. Ganz abgesehen davon, dass das keine Frage der Rasse sei. Dass sei eine Frage der Gesellschaft. Hier sei eben eine total kaputte Gesellschaft, die müsse sich verändern.

Heute Abend bietet mir die Besitzerin das Zimmer für Morgen bereits viel günstiger an. Ich lehne ab, das Auto, das habe ich nur ausgeliehen, ich wolle das nicht übertreiben. Aber vielleicht komme ich ja einmal mit meinem Mann vorbei, der sei auch stark an Erziehung interessiert. Doch leider möge er das Strandleben nicht besonders, halbnackte Frauen und so, er sei ein guter Muslim. Naila stutzt etwas. Um halb neun verabschiedet sie sich dann von mir. Sie müsse noch ihr letztes Gebet machen. Und dann liebe sie es, etwas zu lesen. Im Koran.

Wenn ich hier in Sansibar lebe, dann spüre ich immer ganz deutlich, dass mit unserer Lebensart in der Schweiz etwas nicht stimmt. Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Spektrums als Afrika. Rational, rationell vor allem, ist unser Leben, Zeit knapp, die Tage durchgeplant. Viele Leute fühlen sich dabei nicht so ganz wohl. Doch nur wenige überlegen sich, was daran falsch sein könnte und noch weniger verändern es dann tatsächlich. Ich bin ja auch so in der Schweiz. Kann nicht anders, da muss man ja bereits ein schlechtes Gewissen haben, wenn man eine halbe Stunde lang nur den Mond, anstarrt. Das habe ich eben gerade getan oben in meinem Aussichtsturm. Der Mond jetzt schon hoch, Silber auf dem Wasser, von oben der Sandstreifen bereits wieder breit und hell leuchtend, die Ostküste hat ausserordentlich feinen und hellen Sand. Und auf dem Sandstreifen die undeutlichen, doch gut sichtbaren Schatten der Leute, die durch die Bucht spazieren. Belebt ist es heute Nacht. Gruppen von Kindern, Jugendliche, Mädchen sogar, wandern den Strand hinauf und hinab. Die vielen Abgeordneten der Regierung, die im Dere Hotel nebenan feiern, locken Neugierige an. Und kommen die dumpfen Bassstösse - auch hier leider - von dort oder von sehr viel weiter, von Paje her, über das Meer getragen vom Wind? Ich verstehe das einfach nicht, dass solches erlaubt ist. Kein ruhiger Ort mehr an der Küste, wo man einfach dem Rauschen des Windes oder den Wellen zuhören könnte.

10. April 2009



Als ich die WC-Spülung ziehe, wird mein Rock ganz nass. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, am Nachmittag habe ich das WC bereits einmal benutzt. Spülung zwar perfekt, doch schient die vom Kasten herunter laufende Wasserleitung links zwei Löcher zu haben. Und dort spritzen zwei vorwitzige Wasserstrahle seitwärts. Bis zu meiner Abreise am nächsten Tag fällt dann das ganze Rohr einfach ab und giesst sein Wasser über den Badezimmerboden aus. 25 Dollar die Nacht, das war hier in Paje das billigste Angebot. Sauber eigentlich, man darf die Möbel einfach nicht verrücken. Ich tue das mit dem Bett und mit dem Türvorleger. An beiden Orten kommt Sand zum Vorschein. Das Zimmer ist neu, frisch gestrichen und riesig, da hätten gut drei Doppelbetten drin Platz. Momentan steht nur eines drin. Plus ein extrem primitives Gestell, in dem ich meine wenige Habe notdürftig einordne.
Der Angestellte an der Rezeption - abends, wie ich feststelle, ist er auch Kellner - hat eine Brille an und ich halte ihn für einen Stundenten. Er spricht zwar nicht perfekt englisch, hat jedoch sonst alle Manieren, die im Umgang mit den Touristen verlangt werden. Ich treffe ihn am Nachmittag dabei an, als er den Bast von den Kokosnüssen weg schlägt. Was er denn damit wolle, frage ich. Zum Kochen Zuhause meint er. Aha, so ich. Und hat auch zugestimmt, als ich mich beklagt habe, wegen der teuren Preise hier in der Gegend, unter 50 Dollar pro Nacht lasse sich kaum ein Zimmer finden, wer sich denn solches leisten könne? Ich als Weisse, die hier lebe und die Preise und Löhne kenne, fände das einfach teuer. Wir sind uns einig. Er zeigt mir trotzdem zuerst ein primitives Holzhäuschen, „Banda“ wird das hier genannt, für 35 Dollar, bevor mir das normale Zimmer für 25 Dollar gezeigt wird.

Nun sitze ich im Strandrestaurant, habe eben Chipsi plus Salade Nicoise gegessen, das war überraschend schmackhaft, das hätte ich nicht erwartet. Und trinke ein Bier. Alle Wochen einmal erlaube ich mir das. Der Vollmond ist eben orange und fett aus dem Meer gestiegen, die Besonderheit der Ostküste. Der Sonnenuntergang dafür unspektakulär, am eindrücklichsten eigentlich die langen Schatten der Palmen, die sich über den schneeweissen Sand und anschliessend unruhig über das recht bewegte Meer legen. Dunkel ist es jetzt, fast schwarz, das Wasser. Und am Nachmittag doch von einem irisierenden, faszinierenden Türkis mit tiefdunklen Streifen durchwoben, zwischendurch ein weisser Strich dort, wo sich die Wellen am Riff brechen. Erst acht Uhr abends ist es, lese ich gerade an der Computeruhr. Der Wind an der Ostküste immer erfreulich kühlend, ein angenehmes Gefühl, auch genügend Schatten an der Küste, die mit Palmen und Schatten spendenden Bäumen bepflanzt ist. Und Wasserballonreiter, die dieselben oder ähnliche Ballons benutzen, wie unsere Himmelgleiter. Lautlos, Fledermäusen gleich, schweben sie jetzt durch den nächtlichen, vom Vollmond erleuchteten Himmel, in gewagten Pirouetten, zu fliegen scheinen sie, heben ab, ein wahnsinniges Gefühl muss das sein im Vollmondschein, das möchte ich auch, denke ich, die weiss glitzernde Wasserfläche unter sich.
Ich möchte am Strand laufen gehen, dem Vollmondsilber entgegen, den Wind auf der Haut, doch getraue mich nicht. Seit dem Überfall am Strand Richtung Flughafen - Babs und ich waren dumm, das ist klar - bin ich vorsichtig geworden. Bereits in der Dämmerung kehre ich um, wo ich früher noch lange weiter gegangen wäre. Sobald die Strände leer werden, werde ich unruhig und kehre an belebte Orte zurück. Bereits ist es Nacht, als ich durch das Dorf Paje streife. Richtig sicher fühle ich mich nicht mehr. Vor allem, weil ich eine Tasche bei mir trage. Und weiss doch genau, dass mitten in einem belebten Dorf - die Kinder rufen mir „Jambo“ nach, ich sehe fast nichts mehr, die Lichter sind spärlich, doch sie sehen mich, die Augen der Schwarzen scheinen auch im Finsteren noch voll zu funktionieren – nichts passieren kann. Panik kommt nicht auf, doch muss ich mir eingestehen, dass ich mich wieder einmal verlaufen habe und mich nicht ganz wohl fühle, keine Hauptstrassen, keine rechten Winkel, keine Parallelen, die hier recht stattlichen einstöckigen Häuser aus Korallenstein, alle einfach ohne Plan hingestellt. Das überfordert meinen Orientierungssinn. Vor allem nachts. Zum Glück weißt mir der Wind, der vom Meer her weht, den Weg.

Vielleicht - wenn ich einen Schleier umlege, zusammen mit dem weiten afrikanischen Rock, den ich trage, Modell „Mama Vumba“ haben wir das genannt, Ali protestierte, Mama Fischgestank heisse das, das gehe doch nicht, meint er - vielleicht derartig verkleidet würde mich niemand als Weisse erkennen in der Nacht am Strand. - Und geht trotzdem nicht. Welche Frau hier würde schon des nachts alleine an den Strand hinunter spazieren gehen?
Der Mond ist nun bereits ins Blattwerk der umgebenden Bäume hinauf gestiegen und viel kleiner geworden und blickt zerstückelt herunter. Der Meeresspiegel immer noch glänzend und geheimnisvoll. Der Kellner serviert mir eben diskret meine zweiten Frites, ich habe noch Hunger, den Tag über nichts gegessen und das zweite Safari Bier. Ich werde sicherlich gut schlafen, bin leicht und glücklich und schwebend irgendwo zwischen den Welten.

„Mr. Polite, doesn’t follow women at night“, meine ich zu dem Typen, der doch noch versucht, am nächtlichen Strand mit mir Kontakt aufzunehmen, nachdem er sich bei mir mit diesem Namen vorgestellt hat. Er verschwindet rasch. Und bei der Begegnung, ich sehe ihn kommen und zücke meine Taschenlampe – er scheint dies mit einer Waffe zu verwechseln – schrickt er zusammen. Ein Held scheint er nicht zu sein. Ein Risiko ebenfalls nicht.
Das Meer um halb elf Uhr nachts grollt bei Ebbe weit draussen, die Wellen reiben sich entfernt am Riff. Dafür säuselt jetzt der Wind und spielt mit den Blättern der Palmen. Nein, gefährlich sei das nicht, ein Spaziergang am Strand. Wenn ich alle Wertsachen ins Zimmer bringe und nichts mehr auf mir trage, hat der Kellner gemeint. Am Boden schreibend nun. Meinem Zimmer fehlen Tisch und Stuhl. Leider. Ich nehme an, in einheimischem Besitz. Viele Leute hier können sehr gut ohne diese Möbelstücke leben, sie sitzen sowieso meist am Boden. Dass ein Tourist so etwas in den Ferien benötigen sollte, das verstehen sie deshalb nicht. Und die Musik der umgebenden Bars ist nun, ohne die Wellengeräusche, definitiv zu laut. Ich werde morgen umziehen.

9. April 2009


Da hier auch wirklich alle Sachen verkehrt sind oder auf dem Kopf stehen, brauche ich eben lange, um Gewisses zu begreifen. Während in Europa jetzt Frühling ist, haben wir hier Herbst, es geht dem Winter zu, was sich eigentlich mit starken Regenfällen ankündigen müsste. Bisher war allerdings nicht sehr viel davon zu merken, Klimawandel meinen die Älteren, früher sei diese Jahreszeit viel ausgeprägter gewesen. Im Sommer, also um Weihnachten, weht hier der Wind stark und erfrischend von Nordosten her. Im Winter wiederum von der Gegenseite, vom Südwesten. Das sind die beiden Passatwinde, auf die man sich verlassen kann. Sie haben die Geschichte der Seefahrt, und damit der Gegend überhaupt, entscheidend mitbestimmt. Zwischendurch, im Frühling und Herbst, weiss der Wind nicht so recht was er will, ob von Nordosten oder Südwesten, manchmal auch Süden oder Westen – ich vernehme, dass es auch hier neben den Hauptwinden noch verschiedene andere gibt – oder dann auch einmal überhaupt nicht. Das sind dann die drückendschwülen Momente. Weil der Wind nun bereits mehrheitlich von Südwesten her bläst habe ich im Kopf, das die Sonne im Winter ebenfalls im Süden steht, der Schatten in unserem Innenhof also auf der Südseite liegt. Muss aber feststellen, dass dies nicht stimmt, ganz eindeutig steht die Sonne etwas im Norden. Viel nicht. Viel nie. Das ist wohl das Auffälligste hier, der immer sehr steile Sonnenstand. Der macht, dass selbst Sonnenbrillen nutzlos sind, denn die Sonne fällt ja von oben direkt auf die Augen, nicht durch die Gläser hindurch wie bei uns. Weshalb ein findiger Tüftler an die Motorradhelme vorne einen mit Druckknöpfen abnehmbaren schmalen Schirm montiert hat. Den die Einheimischen natürlich sofort entfernen, wer hat denn so was je im Fernsehen gesehen, einen Motorradhelm mit Schirm. Ich hingegen habe die Qualität dieses äusserst intelligenten Teils längstens schätzen gelernt. - Und bei genauem Überlegen ist es ja klar: Im Europäischen Sommer kommt die Sonne weiter gegen Norden, es wird deshalb dort wärmer - und hier rückt sie eben ein ganz klein wenig in den Norden.

Heute Morgen ist das Meer nur leicht gekräuselt, der Himmel hellblau und rosarot, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, kaum Wolken, es wird sicherlich ein heisser Tag. Auf meinem Morgenstrandspaziergang treffe ich die verschiedenen Habitués, das Frauengrüppchen, dem wohl vor allem am kühlen Bade liegt, weiter nördlich dann dem Indischen Ehepaar, das jeden Morgen am Strand den Tag begrüsst. Beide recht pummelig und nicht gerade sportlich sitzen sie da im Schneidersitz und machen ihre Yogaübungen. Viele davon, kaum eine davon akrobatisch, habe ich noch nie gesehen. Zum Beispiel diejenige, bei der sie die rechte Hand vor dem Gesicht ausbreiten in der Art, wie Kinder jemandem eine lange Nase machen. Anschliessend bohren sie den Daumen in eines der Nasenlöcher und winkeln den kleinen Finger etwas ab und scheinen geräuschvoll derartig die Lebenskraft in sich hinein zu schlürfen. Am Schluss ein paar Fitnessübungen, dem westlichen Gehabe will auch genüge getan werden. Weiter Richtung Hafen dann der alte dürre Mann der im Sand sitzt, die Beine weit ausgestreckt und von Sand überdeckt. Das scheint ihm eine Art Medizin zu sein. Das Grüppchen der Indischen Männer ebenfalls, palavernd im Wasser sitzend, erste Fussballspieler und viele weitere, die ein weniger auffälliges Benehmen oder Aussehen haben. Nachdem ich den Strand hinauf und hinunter gelaufen bin, will ich wieder einmal rennen. Das geht erstaunlich einfach, und als ich am Frauengrüppchen vorbei komme, begleitet mich ein junges Mädchen. Mit Trainerhosen und T-shirt, doch der Schleier bleibt auf dem Kopf. Mit Mühe. Und später fährt dann ein kleineres, nicht mehr ultramodernes Kreuzfahrtschiff in den Hafen ein, vom feuerroten Lotsenboot geleitet. Bei Sonnenaufgang werden dort die Leute aufwachen und die Stone Town vor Augen ihr Frühstück geniessen. Und die fliegenden Händler am Strand werden sich bereits die Hände reiben.

8. April 2009


Lucy kommt aus Uganda und ist eigentlich Kenianerin - ich schätze sie auf etwa 18 Jahre - und in Paje, an der Ostküste eine Woche in den Ferien. Sie sitzt mir gerne Model. Etwas langweilig sei es schon hier am Strand. Ich habe sie vorher mit der Familie – scheint mir - zwei älteren weissen Männern, einer nicht mehr ganz jungen Afrikanerin und einer Horde Jugendlicher, Schwarze alles, im Restaurant gesehen. Von der Kleidung, dem guten Englisch und dem Verhalten her habe ich eigentlich gedacht, es seien amerikanische oder englische Schwarze. Da würde ich mich meistens täuschen, sagt mir Ali. Häufig sprächen die Leute vom Festland hier Englisch miteinander. Wenn sie etwas Besseres sein wollten. – Plötzlich sehe ich mein nächstes Strandbild vor mir. Im Vordergrund die typisch sansibarischen Schnürbetten, die hier am Strand gerne eingesetzt werden. Darauf die zwei verwestlichten Schwestern aus Uganda mit knapper Kleidung unter dem palmblattgeflochtenen Sonnenschirm, daneben das Grüppchen verschleierter Frauen, das hier immer auf Kundschaft wartet, sie bieten Massagedienste an, und im Hintergrund dann das Meer. Der Strand vor einem recht hässlichen kleineren Hotel in Paje, zweistöckige Betonklötzchen mit Fensterglas und Klimaanlagen, auch der Garten steril, obwohl man eigentlich einen Gestaltungswillen erkennt, einfach nicht mein Geschmack, noch weniger die Kollonaden der Balkone, die Fassaden in einem furchtbaren Himbeerrot eingefärbt, eigentlich habe ich gedacht, im Besitz von Indern, doch Ali weiss zu berichten, dass die Besitzerin eine Weisse sei und häufig in den Lukmaan essen komme, wenn sie in der Stadt am einkaufen sei. – Doch, hier könnte mein nächstes Strandbild entstehen. Das Essen ist übrigens gut, der Tintenfisch auf dem Salat perfekt gegrillt und zart, wenn diese Viecher einem nur nicht ihre furchtbaren, mit Saugnäpfen übersäten Beine entgegenstrecken würden. Das ist schwierig zu übersehen. Ich blicke beim Essen bevorzugt das tieftürkisfarbene Meer an, es ist gerade Flut. Das Nachbarressort übrigens, wir sind ja nicht das erste Mal hier, ist seit unserem letzten Besuch bis auf die Mauern abgebrannt. Die schönen, Palmblatt gedeckten Dächer sind ein leichter Frass der Flammen. Ein Unfall oder ein neidischer Nachbar? Vielleicht habe auch der Watchman - es ist ja offiziell Regenzeit und recht viele Hotels sind geschlossen - seinen Lohn nicht erhalten, meint Ali.
Der Strand um Paje ist bereits recht dicht und in mehreren Reihen bis zum Strand hin bebaut. Sympathisch daran ist, dass bisher keine grossen Ressorts hierher kam, alles eher kleinere, recht familiäre Hotels, kein italienischer Club. Störend sind vor allem die riesigen, von meterhohen, oben oft mit Zinnen bewehrten Mauern umgebenen Grundstücke nördlich des Ortes, die über weite Strecken den Strand bis zu der neuen Strasse tief im Land innen säumen. Privatgrundstücke reicher Araber und Inder. Man will offensichtlich nicht gestört werden.

Auf den Spuren der schweizer Kolonie. Heute Morgen, als wir an die Ostküste kommen, besuchen wir als erstes den Supermarkt an der Umfahrungsstrasse von Paje. Der gehört einem Sansibari, der in der Schweiz gelebt hat, mit einer Schweizerin verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat. Inzwischen haben die beiden offensichtlich eine Rückkehr gewagt und wir sind neugierig, ihr Geschäft zu sehen. „Food and More“ der Name, für sansibarische Verhältnisse ist es bereits etwas, zwar klein, doch die Gestelle sind recht gut angefüllt, das Gebäude hat schon fast schweizerischen Standart, mindestens was die Toilette und die Küche anbetrifft, gekachelt alles. Sie selber treffen wir nicht an, denn sie wohnen in der Nähe der Stone Town, der Schulen wegen. Ob der Laden Gewinn abwirft ist schwierig zu sagen, ich kaufe mir eine Haarkur der Marke Nivea und Flüssigwaschpulver vom Coop, die Tube für 4.80. Für Sansibaris ein Vermögen, doch für Touristen vermutlich annehmbar. Offensichtlich fehlt der Schatten hier, Bäume müssten gepflanzt werden. Etwas entfernt vom Strand und vom Wind abgeschnitten ist die Hitze drückend. Und die neue Strasse Richtung Bwejuu, die eben erst fertig gestellt wurde, ist etwa einen Meter höher als das Terrain, es brauchte also dringend einen Abgang, damit man mit den Autos irgendwo parkieren könnte. Aber das Geld ist wohl langsam ausgegangen. Wir trinken Dosenmangosaft im schwülen Schatten der Veranda und fahren dann weiter.

Am Mittag ein kurzer Rast bei einer winzigen Moschee am Strassenrand. Ich setze mich unter den dichten Blätterschatten der umgebenden Bäume und warte, bis Ali sein Mittagsgebet erledigt hat. Kurz vor ihm kommt ein Mann aus der Moschee, der mit mir ein Gespräch in Englisch anfängt. Zimmermann sei er, nein nur zum Arbeiten hier, er komme auch aus der Stone Town. Deshalb kenne er den Ali. Wie sich später herausstellt, hat er unser Dach neu gedeckt und kennt mich deshalb ebenfalls. Ich bin gänzlich erstaunt ob seinem guten Englisch, das hätte ich bei jemandem, der nichts mit Touristen zu tun hat und Handwerker ist, nicht erwartet. - Über seine Fähigkeiten als Dachdecker hingegen, da lässt sich streiten, doch da sind wohl meine Ansprüche zu hoch. Immerhin ist das Dach seit zwei Jahren dicht und das ist ja auch bereits etwas bei den Regengüssen hier. - Auffällig und kennzeichnend ferner, dass Ali überall jemanden kennt. Und hat doch in meinem Film erklärt, er werde wohl in Sansibar niemanden mehr kennen, alle seien in die weite Welt ausgeschwärmt. Viele schon, doch viele auch bereits wieder zurück. Und, wie ich feststelle, hat der Ali wohl schon den richtigen Beruf ausgewählt. Er geniesst es ganz offensichtlich, hier wieder stark in das gesellschaftliche Geflecht eingebunden zu sein. Selbst der Othman, sein Partner, meint einmal zu mir, den Ali, den würden jetzt alle kennen. Er selbst, Othman, so lange er den Lukmaan geführt hat, war eben viel zurückhaltender, wohl nicht genau der Richtige, um eine Beiz zu leiten.

Nördlich von Bwejuu dann nochmals ein Schweizerhort. Allerdings haben wir auch hier Pech, Anne die Schweizerin, von der ich schon viel gehört habe, sei in Daresalaam, komme erst in zwei Tagen zurück. Sie selber, eine Krankenschwester aus der Umgebung von Bern, habe ich zwar noch nie getroffen, wohl aber ihren sansibarischen Mann, der auch in der Schweiz gelebt hat, Rasta-Eddy wird er hier genannt. Das Ressort ist sehr klein, drei einfache Häuser, doch individuell und sorgfältig gemacht, nicht simple Strohhütten, der Garten ist voll gepflanzt mit unterschiedlichsten Bäumen, die einen angenehmen Schatten spenden. Vor 12 Jahren seien sie hierher gekommen, weiss der Watchman zu berichten. Und jetzt sei Regenzeit und deshalb geschlossen. Ich verspreche anzurufen, denn ich möchte irgendeinmal drei Tage hier an die Ostküste malen kommen.

Montag, 6. April 2009

2. April 2009



Spiegelglatt und glänzend heute Morgen das Meer, ein sonniger heisser Tag meldet sich an. Und ich ertappe mich dabei, dass mir ein dramatischstürmischer, mit Wellen und Regenguss eigentlich fast lieber wäre. Doch heute reihen sich die Wolken brav und geordnet am Horizont in kleinen Bänken und niedrigen ausfransenden Türmchen auf, denn ganz blau, ohne irgendwelche Wolkenreste ist der Himmel in den Tropen nie. Um elf Uhr, werde ich mit dem zukünftigen Manager der renovierten Forodhani-Gardens die Baustelle besichtigen gehen.
Das hat Muhammad, der Architekt, gestern Abend eingefädelt. Dr. Muhammad wird er vom Manager respektvoll genannt. So werde ich Gelegenheit haben, mich dort umzuschauen, ohne dauernde Angst, von einem Wächter vertrieben zu werden. Obwohl ich es natürlich vorziehen würde, wenn die Gärten endlich wieder offen wären.
Unvorhergesehenes. Man habe festgestellt, dass unter dem östlichen Teil des Parks Richtung Hafen die Kanalisation völlig verrottet gewesen sei. So müsse das eben auch noch gemacht werden, bevor man den Garten gestalten könne. Warum man denn nicht wenigstens die westliche Hälfte, die ja fertig und bereits wunderbar blühend und eingewachsen ist, für das Publikum öffnen könne, frage ich. Das gehe nicht, der Garten sei noch nicht eingeweiht worden, diese Ehre müsse man dem Präsidenten gewähren. Die Gärten dann mit grossem Pomp einweihen zu können. Was der denn dazu beigetragen habe, frage ich ketzerisch, gebaut sei das ganze vom Aga Kahn Trust worden und finanziert, das erfahre ich heute, von der Weltbank. Ja schon, das sei wahr, meint Mohammad, doch der Präsident habe es mindestens ermöglicht, das sei während seiner Amtszeit passiert, der brauche auch etwas Lob. Er habe die Politiker nun langsam begriffen, für die sei solches wichtig. Da habe er doch früher ganz anders gesprochen, wende ich ein. Ja schon, aber nach drei Jahren zurück in Sansibar, da sei er sich bewusst geworden, dass diese Regierung immer noch besser sei als gar keine Regierung. Ein Chaos wie in Simbabwe, im Kongo oder Darfur, das wäre noch viel schlimmer. Eine schlechte Regierung sei immer noch besser, als ein Staat, der überhaupt nicht funktioniere, deshalb sei er froh darüber.

Später erzählt mir Mohammad dann doch noch von all seinen Sorgen und Problemen bei seiner Arbeit im Stone Town Conservatory Office, der hiesigen Stadtplanungs- und Schutzbehörde der Altstadt. Dass er dort keinen Rückhalt habe, auch nach drei Jahren nicht. Dass sie kein wirkliches Team seien, das am selben Strick ziehe. Doch er wolle die Leute nicht verurteilen. Bei den Löhnen hier, da arbeite halt jeder nur ein Minimum, verschwinde so rasch wie möglich und schaue sonst wie für ein Einkommen, die Arbeit im Büro, die bleibe dann einfach liegen. Und qualifizierte Leute habe es eh nur wenige. Und noch weniger, die die Notwendigkeit ihrer Tätigkeit einsähen. Dass man jetzt, wo der Staat eigentlich mit dem Tourismus recht gute Einnahmen habe, investieren müsste in die Renovation der zusammenbrechenden historischen Gebäude, auch Plätze und Parks neu gestalten, die Quaimauern renovieren, das sehe man nicht ein. Dafür habe man kein Geld. Doch wenigstens würden nun die Löhne der Beamten wieder regelmässig ausbezahlt, das sei bereits etwas.

Muhammad fliegt in zwei Tagen nach Paris, wo seine italienische Frau lebt und wo er studiert hat. Ferien frage ich, oder wolle er das sinkende Schiff verlassen? Ferien vorerst für sechs Wochen, meint er. Nein, er wolle Sansibar nicht aufgeben, weiter mitwirken am Fortschritt hier. Doch wenn möglich in einer anderen Art. Drei Jahre ohne eine Verbesserung zu sehen, ihm liege das nicht.
Und: Man müsse Geduld haben. Hier lebe man wie in Europa vor dreihundert Jahren, das Bewusstsein der Leute sei genau dort. Das brauche Zeit, viel Zeit. Die nächste Generation vielleicht. Die momentane, all diese Jugendlichen hier – sie könnten nichts dafür, das sei nicht ihre Schuld – die sei sinnlos, habe nichts gelernt, das bringe nichts. Und trotzdem dann auch: Wer hätte vor fünf Jahren daran geglaubt, dass Amerika einmal einen schwarzen Präsidenten haben würde? Vor 40ig Jahren noch Rassendiskriminierung und der Tod Martin Luther Kings, der sich dagegen aufgelehnt habe. Und damit etwas in Bewegung gebracht - im Moment sehe man solches ja meist nicht.

Nein, fotografieren dürfe ich nicht, meint der freundliche Manager der Forodhani Gardens, denn der Garten sei noch nicht von Präsident Karume eingeweiht worden. Wie erwartet wird der Rundgang durch die renovierten Gärten um elf Uhr morgens sehr heiss. Doch interessant, die Anlage gefällt mir. Aber - gleich wie der ägyptische Gartenspezialist, der hier das Projekt südafrikanischer Gartengestalter ausführt, ebenfalls zu bedenken gibt - frage ich mich etwas über die Nachhaltigkeit des Ganzen. Wie wird die Anlage in zehn Jahren aussehen? Er arbeite seit Jahren in Afrika, das kenne man ja. Sehr kompliziert sei die Wartung nicht, doch bei den unter der Erde verlegten Bewässerungsrohren müsse man schon ab und zu etwas ersetzen. Und eine Pflanzenaufzucht müsse man einrichten, um dauernd genügend Nachwuchs zu haben. Vor allem der Rasen, der werde es wahrscheinlich nicht lange machen. Dieser englische Rasentyp sei hier nicht wirklich geeignet, man hätte besser den zwar groben und hier als minderwertig angesehenen einheimischen Rasen genommen. Denn betreten werde der sowieso, das könne man nicht verhindern. Und die Bäume, einmal gut eingewachsen, würden rasch zuviel Schatten geben und ein gutes Gedeihen zusätzlich verhindern. Es brauche also dringend Pflegearbeiten und Geld. Aber die Regierungen in Afrika, die hätten doch nie Geld für solches. Ja eben, meint der Manager, der mir ebenfalls sehr kritisch gegenüber der Regierung eingestellt zu sein scheint. Deshalb müssten sie mit dem Garten selber Geld generieren. Zum Beispiel wenn sie das daneben gelegene ehemalige Waisenhaus bekämen und dort ein Hotel führen könnten. Das würde dann genug Geld in die Kasse spülen. Doch das habe sich bereits der Präsident unter den Nagel gerissen. So müsse man halt schauen mit den Mietzinsen, die nun die Essstandbetreiber neu bezahlen müssten und durch die Einnahmen aus dem Kinderspielplatz und den Toiletten, die man an jemanden vermiete, durchzukommen. Der Spielplatz gebührenpflichtig? Ja, da müssten die Eltern etwas dafür bezahlen, wenn sie mit den Kindern kämen. - Erstens einmal kommen die Kinder hier sowieso meist alleine, die sind viel selbständiger als bei uns und zweitens haben die kaum Geld, um sich das Spielen leisten zu können und drittens vermutlich auch der grösste Teil der Eltern nicht, der seine Kinder hierher begleiten wird, denke ich für mich. Zumal sie ja Spielplätze gar nicht kennen. Mit den Toiletten bin ich einverstanden. Sehr gut, bezahlte, gewartete und saubere Toiletten. Dafür würden die Touristen bestimmt etwas bezahlen. Doch müsste es gleichzeitig Gratistoiletten für die Einheimischen geben. Das müsste man sich dringend leisten, wenn man die bisherige Untugend der sansibarischen Männer, einfach an die Quaimauern zu pissen, etwas eindämmen wollte. Und damit wenigstens einen Teil des Gestankes hier.
IlangIlangbäume habe man ebenfalls gepflanzt, meint der Manager, der Agronomie in Indonesien, in Yogjakarta studiert hat. Wegen des guten Geruches. Aber leider habe man keine Mitsprache gehabt bei der Gestaltung der Anlage, sagt er. Sie hätten gerne die hiesigen Gewürzpflanzen gezeigt: Zimt, Muskatnuss, Henna, Vanille und weitere, das sei doch interessant für die Touristen, schliesslich werde Sansibar auch Gewürzinsel genannt. Ich finde das eine gute Idee, man hätte sie auch beschriften können, ein kleiner botanischer Garten. Und schlecht finde ich wieder einmal, dass man ein Hilfsprojekt einfach so verschenkt, ohne Mitsprache der Leute vor Ort. Das müsse man jetzt eben respektieren. Aber in ein paar Jahren, da könne man dann schon umpflanzen. Ob das gut kommt frage ich mich, die Anlage ist eigentlich sehr schön gestaltet. Man hätte einfach von Anfang an die Einheimischen mit einbeziehen müssen. So auch beim Pflanzenkauf. Da hätten die Leute aus Südafrika Pflanzen vom Festland eingekauft. Zu gänzlich überrissenen Preisen. Dabei würden alle Pflanzen auch hier auf der Insel gezogen und erst noch viel billiger. Doch in Daresalaam habe wohl jemand daran verdienen können........

Mitte April, meint der Manager nach einem kurzen Zögern, da würden die Gärten eingeweiht. Mit Musik und so, ein grosses Fest. Da glaube ich nicht recht daran, Muhammad hat gestern von Juni gesprochen, das scheint mir realistischer. Und die merkwürdige Baustelle vor der Quaimauer, die ehemalige Anlegestelle der königlichen Schiffe, das werde wohl bis dann noch nicht geregelt sein. Muhammad als Vertreter des Stone Town Conservation Offices habe beantragt, das Restaurant, das unbefugt mit einem riesigen Dach erhöht und vergrössert wurde, wieder abzureissen. Und damit habe man nun begonnen. Nur dass die Abbrucharbeiten jetzt gestoppt worden seien. Von höchster Stelle. Der Präsident will wohl auch dieses Lokal für sich und hat so den Rückbau verhindert. So dass die hässliche Bauruine rund um das historische Gebäude wohl bei der Einweihung immer noch stehen wird. – Dieser Ort war übrigens schon immer ein skandalumwitterter. Zunächst gehörte er einer Südafrikanischen Gesellschaft, sehr erfolgreich, das erste wirkliche Touristenrestaurant der Insel. Und erweckte so natürlich Neid. Wegen steuerlichen Problemen wurde der Betrieb gestoppt, wie es dann heisst. Und stand lange Jahre leer. Kurz vor Beginn der Renovationsarbeiten wurden auch am Restaurant wieder Arbeiten aufgenommen. Das Dach erhöht, die ganze Plattform auf die doppelte Fläche vergrössert, der ehemalige Schiffssteg, der extra für den Besuch der Queen Viktoria erstellt wurde, gänzlich umbaut und unkenntlich. Muhammad nun befand, dass dies den Geist der Gartenanlage störe, ja diese von der Meerseite gänzlich zunichte mache und verdecke. Und befahl deshalb einen Rückbau. Nur hatte er es offensichtlich mit viel zu mächtigen Leuten zu tun.
Genauso, wie er es letzten November durchgesetzt hat, den Verkehr in der Altstadt drastisch zu verringern, indem er ein Einbahnsystem eingeführt hat. Eine Fläche von ähnlicher Grösse wie die Berner Altstadt wurde damit verkehrsfrei. Ich fand das wunderbar. Vor allem, da die Leute hier ja vollkommen rücksichtslos herumfahren, als flanierender Tourist riskiert man sein Leben. - Während vier Monaten blieb dieses Verbot aufrecht, bewährte sich und wurde offensichtlich doch im Hintergrund bekämpft. Dann hat irgendein Mächtiger aus einem anderen Ministerium befunden, das Stone Town Conservatory Office sei nicht befugt, solches zu beschliessen. Das ganze wurde aufgehoben und der Verkehr fliesst wieder. – Sansibar springt wirklich sehr hart um mit dem Architekten Muhammad. Wenn er flieht, so kann ich ihm dies nicht verübeln. Obwohl er gleichzeitig sagt, all die Leute, die im Ausland studierten und dann nie wieder zurück kämen, die nützten dem Land überhaupt nichts.

Ich sprechen mit Ali darüber. Der Muhammad habe das verspielt, sei viel zu rasch vorgegangen. 15 Jahre in Europa studiert und dann erst noch die bessere Ausbildung als seine Vorgesetzten. Das habe natürlich misstrauisch gemacht und Ängste hervorgerufen. Er hätte da eine Weile mitspielen müssen, so tun, als ob er gleich denke wie die übrigen. Nicht gleich gegen Korruption angehen und so. Und so langsam aufsteigen sollen. Von unten her einfach alles verändern wollen, das gehe nicht, da werde man einfach abgesägt.

Sonntag, 5. April 2009

1. April 2009


Heute Morgen erwache ich früh, obwohl Mr. Superpower eine aufgeregte Nacht gehabt hat, viel geschimpft, rezitiert auch, ich höre das nur in Fetzen, dämmere wieder weg, und den Muezzin um fünf Uhr, viel lauter noch, den habe ich verschlafen. Bereits um halb sieben bin ich am Strand unten und begrüsse Ali, der schwitzend am Joggen ist. In letzter Zeit geht er regelmässig nach dem Morgengebet an den Strand. Das Meer hat viele ockerfarbene fleischige und mit Schwimmblasen versehene gekräuselte Algenbüschel ans Land geworfen. Die Linie, der pflanzlichen Rückstände von gestern Abend liegt etwa drei Meter weiter landwärts, die Differenz zwischen Ebbe und Flut nimmt bereits wieder ab. Algen werden hier selten angeschwemmt. Am Strand vor dem Serena Inn Hotel ist die Putzmannschaft bereits aktiv. Keine Rückstände, nicht einmal pflanzliche, für das betuchte Publikum.
Und erinnert mich an das Buch, das ich eben zu Ende gelesen habe. Ein Schriftsteller namens Hans Christoph Buch (wie sinnig der Name) schreibt über Ostafrika. Webt in seinen Roman historische Figuren ein. Die Prinzessin Salme etwa. Die selber geschrieben hat, eine sehr bekannte Person hier, am Filmfestival des vergangenen Sommers wurde versucht, mit einem Dokumentarfilm ihrem Leben nachzuspüren. Sultanstochter in Deutschland gestrandet. Herr Buch verwendet fast wörtlich Ausschnitte aus ihren Beschreibungen des damaligen Sultanspalastes. – Auch TippuTipp, der Sklavenhändler, kommt vor, dessen ehemaliger Palast genau gegenüber unserem Haus liegt, gänzlich verlottert nun, er gehört dem Staat. Das Geld für die dringend notwendige Renovation fehlt leider. Auch Mr. Superpower, eigentlich sansibarischer Araber mit Name Asfara, der diese Nacht Gespräche hatte mit den Dämonen – oder, wie andere meinen, wieder einmal stinkbesoffen war - fühlt sich zwischendurch als arabischer Sultan und bewohnt die Dachterrasse des verlotterten Palastes. Gratis natürlich, ein Squatter, wie praktisch alle Bewohner dort. – Neben Salme und Tipputipp erfindet der Autor einen Ostdeutschen Botschafter, der während der Revolution hier im Jahre 1964 anwesend war. Angeblich eine sozialistische Revolution, selbst Che Guevara soll sich gezeigt haben. Obwohl man sie auch rassistisch nennen könnte, in erster Linie wurden Weisse, Araber und Inder ausgeplündert, manche auch umgebracht und enteignet, viele flohen dann und gaben freiwillig ihren Besitz auf. Und versuchen den jetzt - gut 40 Jahre später – wie die Besitzerin unseres Hauses aus dem Oman, wieder zurückzuerlangen. Oft mit Erfolg. Nur dass die ehemaligen Paläste unterdessen mangels Unterhalt gänzlich verlottert sind. Quer durch die letzten zwei Jahrhunderte ist so im Buch des Herrn Buch eine spannende Geschichte entstanden. Obwohl mich dann doch ganz am Schluss die Historischen Zitate aus der Sklavenzeit am meisten erschüttern. Nein, stolz können auch wir Weissen nicht sein auf unsere Vergangenheit in Afrika. Die Sklaven wurden geschlagen und geschunden wie Tiere. Und ich rege mich heute darüber auf, dass die sansibarischen Esel von blutigen und eitrigen Striemen übersäht sind - sei es wegen der schlechten Zaumzeuge, sei es auch durch Hiebe. Vor 150 Jahren schienen dies Europäer und Araber bei ihren Sklaven noch etwas gänzlich Normales gefunden zu haben. Keine ethischen Bedenken.
Zurück zum Anfang dieses Exkurses. Offensichtlich logierte der Buchautor im Serena Inn Hotel, dem Fünfstern Hotel und der ersten Adresse der Stone Town, im Besitz des Aga Kahn. Offensichtlich können es auch Buchautoren manchmal zu Reichtum schaffen. Das erstaunt doch etwas und gibt Mut. (Sansibar Blues oder wie ich Livingstone fand / Hans Christoph Buch / Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2008)

Wieder an den Strand, der heute mässig bevölkert war, die Wolken hängen tief. Über dem aufgewühlten dunkelblauen Meer nordwärts Richtung Hafen ein schmutzig graugelber Himmelstreifen. Darüber, unten gerade abgeschnitten, eine tiefschwarze Wolkenbank, die den grössten Teil des Himmels ausfüllt. Die Schiffe haben alle die Spitzen Richtung Daresalaam ausgerichtet, Südwind also. Und wohl bald Regen, denke ich. Schon bald einmal beginnt es zu tröpfeln, ich warte noch, bis die Tropfen dicker werden und kehre dann um. Bevor ich unser Haus erreiche giesst es bereits in Strömen, das Duschen kann ich mir für heute Morgen ersparen, auch Kleider waschen ist nicht mehr notwendig und innerhalb von Minuten fange ich genug Wasser auf, um damit wieder für zwei Tage den Komfort von Regenwasserduschen zu geniessen.
In der plötzlichen Finsternis und dem dröhnenden Rauschen des Regens bemerke ich plötzlich Asfara, der gleich neben unserem Eingang sitzt. Und die Topfpalme dort mit hunderten von orangen Blüten übergossen hat, die er vorher unter einem blühenden Baum zusammen gelesen haben muss. Landart mit Hilfe der „Sheitani“, der Dämonen.

Donnerstag, 2. April 2009



31. März 2009

Die Regenzeit hat eingesetzt, und seit den starken Regenfällen vor drei Tagen ist die Luft etwas kühler geworden. In der Nacht bedecke ich mich wieder mit einem Leintuch und auch der Ventilator läuft nicht mehr. Trotzdem kommt man natürlich sofort ins schwitzen, sobald man sich tagsüber bewegt und die Sonne drückt oder grell zwischen den Wolken hinunter scheint. Draussen schreit wieder einmal ein Säugling, als ob er gebraten oder sonst was würde, man gewöhnt sich daran, keine Aufregung. Mit dem Regenwasser, das vor drei Tagen gefallen ist habe ich mir meinen grossen Wasserkübel im Badezimmer oben gefüllt, 50 Liter sind das wohl. Um in den Genuss von Regenwasserduschen zu kommen, nahm ich es in Kauf, mehrmals mit Kübeln die steile Treppe hinauf zu steigen, das Wasser das hier aus der Leitung kommt ist ausgesprochen salzig und frisst alles Eisen auf und fühlt sich auch ganz anders an auf der Haut. Nach zwei Tagen ist der Kübel bereits wieder halb leer und die paar leichten Regenfälle seither bringen keine wirklichen Wassermengen mehr.

Ali ist auf dem Weg zum Polizeiposten. Gestern haben sie ihm sein Motorrad weggenommen, weil er ohne Helm herumgefahren ist. Die hätten ebenso gut diejenigen belangen können, die bei Rot über eines der zwei Verkehrslichter der Stadt gefahren seien, findet er oder verkehrt durch die Einbahnstrassen. Und weiss doch genau, dass es falsch war, ohne Helm herumzufahren. Er hat seinen Helm dem Sansibari aus Kanada ausgeliehen. Wenigstens leiht der nun das Motorrad nicht mehr von ihm, sondern von einem Verwandten aus. Meinen Helm habe ich dem Juma nicht mehr gegeben, nachdem das Band einfach abgerissen war. Auch wenn ich ihn nicht brauche. – Doch hier sind die Leute eben anders. Nein zu sagen, scheint äusserst unhöflich zu sein. Und Ali ist nun keineswegs sauer auf seinen Freund. Selbst wenn er heute vermutlich einen grossen Teil des Tages auf dem Polizeiposten verbringen wird, um wieder zu seinem Motorrad zu kommen. Und sicherlich auch bezahlen muss.

Der Regen lässt meine Pflanzen wunderbar spriessen. Selbst die Papaya, die in ihrem Topf etwas eng wohnt, ist wieder aufgeblüht. Ein Weibchen sei das, ist Ali überzeugt. Wie er denn das sehe, will ich wissen. Mit dieser Grösse, da würde ein Männchen bereits blühen. Hoffen wir also auf eine weibliche Pflanze, denn nur die machen bekanntlich Früchte. Mir gefallen die skurrilen Papayas, die rasch ein Stämmchen bilden, auf dem die Abdrücke der Blattstiele als Verzierungen eingeprägt bleiben. Oben dann ein Schopf von gezackten Blättern, in der Wuchsform einer Palme ähnlich. Nur dass sie eben viel rascher einen dünnen Stamm bilden. Ich möchte versuchen, eine Papaya in der Schweiz zu ziehen, obwohl ich das noch nie als Zimmerpflanze gesehen habe.
Dann wieder die winzigen Schnecken. Das hatten wir doch bereits letztes Jahr während der Regenzeit. Plötzlich sind sie da. Und nicht irgendwo, immer genau dort, wo ein grösserer Samen zu keimen beginnt. Sei dies eine Bohne, ein Avocadostein oder sonst irgend einer, der in den Tropen häufig sehr grossen, nährstoffreichen Samen. Die scheinen das von weither zu riechen. Und zerstören natürlich die zarten Keimlinge sofort. Ich frage mich, ob einer der Sonnenblumensamen, die ich gesteckt habe oder die Überraschungsblumen, die mir Leluu in Samenform zugesteckt hat, es schaffen werden.

Apropos riechen. Auch die Moskitos scheinen einen unwahrscheinlich guten Geruchssinn zu haben. Und merkwürdigerweise mit vorliebe dort zu stechen, wo schon ein Stich ist. So habe ich auf der rechten Seite am Hals, gerade unterhalb des Kinns, bereits fünf Moskitostiche. Immer beissen sie rechts – nie links. Ob selbst die Stichwunden einen gewissen Geruch aussenden? Übrigens scheinen Moskitomücken anders auf der Haut zu landen als die übrigen, ihre Beine würden steif senkrecht aufsetzen, hat mir neulich die chinesische Krankenschwester erklärt, das habe sie hier gelernt. Wie unsere Hausmücken landen, das habe ich noch nie Zeit gehabt genau zu beobachten. Besonders an ihnen ist, dass sie recht gross sind und absolut geräuschlos fliegen, dass man den Einstich nicht fühlt, jedoch sofort danach ein starkes Jucken einsetzt. Und dass sie weisse Streifchen an den Beinen haben. Wie Ringelsöckchen. Und sicherlich keine Malariaüberträger sind. Aber trotzdem lästig.

Wir sprechen über Volksmedizin. Honig werde hier vor allem als Medizin eingesetzt. Doch richtiger Honig, vieler hier sei ja schlechtes Zeugs, mit Zucker gestreckt. Und ob ein Honig gut sei, das merke man dann an seiner Heilwirkung. Der heile nämlich viel besser. Als Medizin vor allem in der Wundheilung eingesetzt. Doch, gegessen auch manchmal.